Neue S3-Leitlinie „Magenkarzinom“ erschienen

Krebserkrankungen des Magens und der unteren Speiseröhre nehmen den sechsten Rang unter allen Krebserkrankungen ein. In Deutschland erkranken über 20.000 Personen jedes Jahr neu an einem dieser Tumoren. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Diagnostik und zu den verschiedenen neuen Therapiemöglichkeiten bilden die Grundlage der aktuellen Leitlinie, die zu einer optimierten interdisziplinären Betreuung von Patienten führen wird.

Über 100 Experten von 28 verschiedenen Fachgesellschaften und Organisationen haben unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) die Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Adenokarzinome des Magens und ösophagogastralen Übergangs“ erstellt. Die Leitlinie ist im Internet auf www.dgvs.de kostenfrei abrufbar.

Die Entwicklung und Herausgabe dieser qualitativ hochwertigen Leitlinie wurde durch das Leitlinienprogramm Onkologie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), der  Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und der Deutschen Krebshilfe (DKH) finanziert (AWMF-Regist.-Nr. 032-009-OL).

Der aktive Dialog zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen, der auf der Basis der aktuellsten Literatur geführt wurde, ist in die Erstellung dieser Leitlinie mit eingeflossen. Die Leitlinie richtet sich deshalb an alle Berufsgruppen, die Patienten mit Magenkrebs betreuen sowie auch an interessierte Patienten selbst oder Selbsthilfegruppen.

Die Leitlinie ist eine sehr gute Grundlage, klare Entscheidungen in der täglichen Praxis zu treffen, um die Versorgung, Perspektiven und Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Die Diagnose eines Magenkarzinoms wird häufig leider erst spät gestellt, da die Patienten oftmals lange Zeit keine Beschwerden haben. Die Symptome werden oft erst wahrgenommen, wenn die Krebserkrankung bereits fortgeschritten ist. Folgende Symptomen sollten Anlass zu einer weiteren Abklärung geben: länger bestehende Schluckstörungen, wiederholtes Erbrechen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust oder unklare Blutungen im Magen-Darm-Bereich. Eine frühzeitige endoskopische Untersuchung des Magens inkl. Biopsien ist hierbei zu fordern.

„In den letzten Jahren hat sich das Wissen enorm erweitert, was wir in dieser umfassenden Leitlinie erstmals für den deutschsprachigen Raum strukturiert zusammengetragen haben“, so Priv.-Doz. Dr. med. Markus Möhler, der Koordinator der Leitlinie. „Ein neuer Standard ist z. B. die sorgfältige präoperative Diagnostik und die interdisziplinäre perioperative Therapie, d. h. die Berücksichtigung von multimodalen Konzepten vor einer Operation bei fortgeschrittenen Karzinomen“.

Die Prognose von Magenkrebs ist bei einem fortgeschrittenen Befund eher ungünstig. Lässt sich keine Heilung erzielen, so sind auch neue palliative Therapien einzusetzen.

Neben den ausführlichen Handlungsempfehlungen in den Themenbereichen Vorsorge, Diagnostik und Therapie des Magenkarzinoms wurde auch ausführlich Stellung zur Ernährung, zu psychoonkologischen Aspekten und zur Komplementärmedizin Stellung genommen. Gleichzeitig wurden erstmals Qualitätsindikatoren entwickelt, an denen sich eine gute klinische Patientenversorgung messen lässt.

Die DGVS und der Koordinator Markus Möhler bedanken sich sehr herzlich beim Herausgeber Leitlinienprogramm Onkologie und ermuntern alle Berufsgruppen und Patientenorganisationen, die an der Betreuung von diesen Patienten beteiligt sind, die Leitlinie in der gesamten Breite des deutschen Gesundheitssystems umzusetzen.

Die Langversion der Leitlinie, der Leitlinienmethodenreport, zur Leitlinie erarbeitete Evidenzberichte sowie eine Patientenleitlinie werden im Sommer publiziert; diese werden dann auf den Homepages des Leitlinienprogramms Onkologie (www.leitlinienprogramm-onkologie.de) und der AWMF (www.awmf.org) verfügbar sein.

 

Die DGVS wurde 1913 als wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforschung der Verdauungsorgane gegründet. Sie fördert heute Forschung im Bereich Verdauung und Stoffwechsel, entwickelt Leitlinien und bietet Fort- und Weiterbildung von Ärzten in Klinik und Praxis an. Regelmäßige Tagungen, die Nachwuchsförderung und internationaler Austausch sind ihr ein besonderes Anliegen.

Neue Leitlinie zu "Intestinalen Motilitätsstörungen"

PDF-Logo Download der Pressemitteilung der DGVS vom 05. April 2011

S3-Leitlinie zu „Intestinalen Motilitätsstörungen“ soll Patientenversorgung optimieren

Akute Bewegungsstörungen (Motilitätsstörungen) des Darmes wie bei Durchfallerkrankungen sind außerordentlich häufig. Jeder kennt die daraus resultierenden, unangenehmen, aber vorübergehenden Beeinträchtigungen im täglichen Leben. Sind intestinale Motilitätsstörungen bereits angeboren oder chronisch, so können schwere Probleme daraus entstehen, welche die Lebensqualität erheblich und dauerhaft einschränken. In seltenen Fällen können solche Erkrankungen sogar tödlich verlaufen. Durch die neue Leitlinie soll die Behandlung von Patienten mit chronischen Motilitätsstörungen verbessert werden.

In einem interdisziplinären Rahmen wurde die S3-Leitlinie zu Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie intestinaler Motilitätsstörungen erstellt. Federführende Fachgesellschaften waren hierbei die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und die Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Die Leitlinie ist kostenfrei auf der Homepage der DGVS (www.dgvs.de) zu finden. Die Leitlinie richtet sich sowohl an Ärzte als auch an interessierte Patienten.

Intestinale Motilitätsstörungen haben vielfältige Ursachen. Sie können als Folge neurologischer Störungen, z.B. als Komplikation eines Diabetes mellitus auftreten, als Folge von Erkrankungen, die zu einer Veränderung der Darmmuskulatur führen oder auch ohne erkennbare Ursache entstehen. Auch die Symptome äußern sich vielgestaltig und unspezifisch. Sie lassen sich von denen anderer abdomineller Erkrankungen nicht ohne Weiteres unterscheiden.

„Für eine klare Diagnosestellung kommt erschwerend hinzu, dass die aufwendigen Verfahren für die Abklärung der Symptome nur an wenigen Kliniken vorhanden sind und es an Experten fehlt“, so Frau PD Dr. Keller als Koordinatorin der Leitlinie.

Die therapeutischen Möglichkeiten müssen auf die Ätiologie der Symptomatik abgestimmt werden. Die adäquate Therapie einer verursachenden Grunderkrankung ist wichtig (z.B. Stoffwechseleinstellung bei Diabetes), bietet aber nur für eine kleine Minderheit der Betroffenen einen zufrieden stellenden Behandlungsansatz. Ansonsten sind einige Formen von intestinalen Motilitätsstörungen sehr gut symptomatisch mit Medikamenten zu behandeln. Andere Subtypen – wie beispielsweise seltene, teils genetisch bedingte Fehlbildungen im Darmtrakt – können durch chirurgische Maßnahmen therapiert werden.

„Auch wenn wir einiges auf pathophysiologischer Ebene schon verstehen, werden weitere Forschungsprojekte nötig sein, um die diagnostischen Möglichkeiten zu verbessern und die molekularen Zusammenhänge bei diesen Erkrankungen aufzuklären“, sagt Frau PD Dr. Keller. „Dies bietet zukünftig die Möglichkeit, weitere Therapieoptionen zu entwickeln“.

 

Die DGVS wurde 1913 als wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforschung der Verdauungsorgane gegründet. Sie fördert heute Forschung im Bereich Verdauung und Stoffwechsel, entwickelt Leitlinien und bietet Fort- und Weiterbildung von Ärzten in Klinik und Praxis an. Regelmäßige Tagungen, die Nachwuchsförderung und internationaler Austausch sind ihr ein besonderes Anliegen.

 

Sicherheit von Propofol bei endoskopischen Untersuchungen

PDF-Logo Download der Pressemitteilung der DGVS vom 30. März 2011

Sicherheit von Propofol-Gabe zur Betäubung bei endoskopischen Untersuchungen: Fehlinterpretation wissenschaftlicher Ergebnisse

In der Ausgabe Nr. 13/2011 des Magazins Focus online sowie der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 28.03.11 wird unter Bezugnahme auf ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Uwe Schulte-Sasse, Anästhesist aus Heilbronn, behauptet, in Deutschland würden jährlich 180 Menschen an den Folgen der Anwendung von Propofol bei Magen- und Darmspiegelungen sterben. Diese Aussage ist unzutreffend und beruht auf einer falschen Interpretation von veröffentlichten wissenschaftlichen Daten.

In beiden Artikeln wird auf eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover verwiesen, bei der drei Todesfälle nach 10.000 endoskopischen Untersuchungen berichtet worden seien. Die Zahl von drei Todesfällen wird dann auf eine nicht nachvollziehbare und willkürlich angenommene Zahl von Magen-Darmspiegelungen in Deutschland hochgerechnet und somit von 180 Todesfällen ausgegangen.

Zum einen wurde die genannte Studie (T. Wehrmann, A. Riphaus, Scand. J. Gastroenterol. 2009; 43: 368-74) nicht an der Medizinischen Hochschule Hannover, sondern am Krankenhaus Siloah in Hannover durchgeführt. Diagnostische Magen- oder Darmspiegelungen, wie sie in vielen niedergelassenen Praxen in Deutschland durchgeführt werden und im Focus-Artikel thematisiert sind, wurden in der Studie gar nicht untersucht. Eingeschlossen wurden nur die sehr viel aufwendigeren und durch die Untersuchung selbst risikoreicheren endoskopischen Operationen an Speiseröhre, Magen, Gallenwegen und Bauchspeicheldrüse.

Die in der Studie tatsächlich berichteten vier Todesfälle standen alle im Zusammenhang mit der schweren Erkrankung des jeweiligen Patienten und nicht mit der Tatsache, dass die Patienten für den Eingriff mit Propofol sediert wurden. Todesursache war in einem Fall eine Lungenembolie, bei zwei Patienten eine nicht beherrschbare Blutung und bei einem Patient eine Sepsis (Blutvergiftung). Somit ist die Behauptung, die Todesursache sei die Gabe von Propofol gewesen, schlicht nicht zutreffend.

Inzwischen gibt es eine viel größere Studie, die die Komplikationen im Zusammenhang mit endoskopischen Untersuchungen unter Propofol-Sedierung untersucht hat (D. Rex et al., Gastroenterology 2010; 137: 1229-37). In dieser Studie fanden sich vier Todesfälle bei 650.000 Untersuchungen, eine Zahl die besser vergleichbar ist, da hier überwiegend Magen-/ Darmspieglungen vorgenommen wurden. Folgt man den Hochrechungen des Focus und der in der Augsburger Allgemeinen Zeitung angenommenen Untersuchungsrate, wären in Deutschland weniger als zwei Todesfälle jährlich zu beklagen, wobei niemand belegen kann, ob diese Zahl ganz ohne Sedierung niedriger gewesen wäre.

Jede Form von Sedierung, ob mit Propofol oder anderen Medikamenten, macht endoskopische Untersuchungen oder Operationen für die Patienten schmerzfrei und viel weniger belastend. Sie ist somit ein segensreicher Fortschritt der Medizin. Jede Form von Sedierung bringt aber – wenn auch überschaubare – Risiken mit sich. In der anfangs zitierten Studie mussten zum Beispiel 40 Patienten kurzeitig wegen der Sedierung mit Sauerstoff beatmet werden. Diesen Risiken trägt eine kürzlich veröffentlichte Leitlinie der Deutschen Gastroenterologen (DGVS) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie Rechnung.

Die Leitlinie enthält die klare Vorgabe, dass bei allen endoskopischen Untersuchungen und Eingriffen unter Sedierung eine zweite qualifizierte Person, die nur den Patienten überwacht und in Wiederbelebungsmaßnahmen erfahren ist, anwesend sein muss. Leider haben sich die Krankenkassen und Kostenträger bisher nicht bereit gefunden, die Kosten für den erhöhten Personalaufwand, der ausschließlich der Sicherheit der Patienten dient, zu erstatten. Dies ist der eigentliche Skandal.