100 Jahre DGVS - page 10

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Einen offiziellen Facharzt für Magen-Darm-Krankheiten gibt es seit dem
Bremer Ärztetag 1924 – und dieser wurde während des Ärztetages 1949 in Hanno-
ver wieder abgeschafft. Die berufspolitischen Aktivitäten der DGVS beherrschten
deshalb über viele Jahre dieWiederanerkennung der eigenen Subspezialisierung,
die mit der Einführung des Facharztes für Gastroenterologie 1968 endlich gelang.
Interessanterweise verstanden sich zunächst weder die Gesellschaft für In-
nere Medizin (erster Kongress 1882) noch die Gesellschaft für Verdauungs- und
Stoffwechselkrankheiten (erster Kongress 1914) als deutsche Organisationen im
nationalen Sinne und haben das Attribut erst in den Namen aufgenommen (Deut-
sche Gesellschaft für Innere Medizin 1920, DGVS 1938), nachdem die deutsche
Sprache in der Folge des ErstenWeltkrieges ihre Bedeutung als Lingua franca der
medizinischen Wissenschaft zu Gunsten des Englischen verloren hatte. Deshalb
überrascht es nicht, dass DGVS-Kongresse auch in Wien, Budapest und Amster-
dam stattfanden. Im Jahr 1922 war beschlossen worden, die Jahrestagung im
Wechsel zwischen Berlin und Wien auszurichten, was schließlich durch das
NS-Regime unterbunden wurde. Auch heute noch führt die DGVS die Tradition ei-
ner internationalen Ausrichtung mit zahlreichen ausländischen Mitgliedern und
einer Fachzeitschrift, der
Zeitschrift für Gastroenterologie
, fort, die gleichzeitig das
offizielle Organ der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und He-
patologie und der Ungarischen Gesellschaft für Gastroenterologie ist.
Von Anfang an war die DGVS als interdisziplinäre Fachgesellschaft angelegt,
die sich seit der Grundsatzrede von Ismar Boas beimKongress 1920 um die Einbe-
ziehung von Grundlagenwissenschaftlern und Kollegen aus klinischen Partner-
disziplinen bemühte. Dies erklärt, warum in der 100-jährigen Geschichte fünf Chi-
rurgen, ein Radiologe (Robert Prévôt, 1961), ein Biochemiker (Robert Ammon,
1969) und ein Pathologe (Volker Becker, 1973) der DGVS vorstanden.
Ähnlich wie die DGVS erlebten auch ihre Publikationsorgane eine wechsel-
volle Geschichte. Diese reicht vom 1895 gegründeten
Archiv für Verdauungskrank-
heiten mit Einschluss
der Stoffwechselpathologie und der Diätetik
, das nach der
Flucht der Familie Karger in die Schweiz heute noch als
Digestion
fortgeführt wird,
über die 1938 in Leipzig gegründete
Deutsche Zeitschrift für Verdauungs- und Stoff-
wechselkrankheiten
bis zu der nach dem Mauerbau erforderlichen Gründung der
Zeitschrift für Gastroenterologie
im Jahr 1963. Letztere feiert 2013 ihren 50. Geburts-
tag und ist ein essenzieller Bestandteil der Aktivitäten der DGVS mit ihren 5.000
Mitgliedern sowie Mitteilungsorgan ihrer verschiedenen Fachgruppen und Ver-
bände.
Das Beste, was wir von der Geschichte haben,
ist der Enthusiasmus, den sie erregt.
(JohannWolfgang von Goethe, WilhelmMeisters Wanderjahre)
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