100 Jahre DGVS - page 114

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scheidungen, so soll zukünftig die bestmögliche Evidenz aus systematischer For-
schung in jede individuelle Entscheidung des Arztes einbezogen werden. Hierbei
handelt es sich um ein Prinzip, auf dessen notwendige Anwendung bereits Ismar
Boas 1930 in seiner wissenschaftskritischen Schrift
Therapie und Therapeutik. Ein
Mahnruf an Ärzte, Kliniker und Pharmakologen
verwiesen hat.
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Inhaltlich
enthalten die Leitlinien die Darstellung eines Krankheitsbildes,
bewährte und durch hochwertige klinische Studien belegte Diagnose- undThera-
pieverfahren für das jeweilige Krankheitsbild sowie Hinweise zum Umgang mit
den Patienten und die ärztliche Au�lärung zur Krankheit und Behandlung. Eine
regelmäßige Aktualisierung stellt sicher, dass Leitlinien stets dem aktuellen For-
schungsstand entsprechen. Im Gegensatz zu Richtlinien sind Leitlinien rechtlich
nicht bindend, allerdings muss der Arzt erklären, warum er sich im Einzelfall ge-
gen die Empfehlungen einer vorliegenden Leitlinie entschieden hat.
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Wenngleich das Erstellen von Leitlinien erst in den 1990er Jahren systema-
tisiert wurde, so lassen sich erste Anfänge sehr viel früher datieren. Bereits 1912
veröffentlichte die Arzneimittelkommission des Deutschen Kongresses für Innere
Medizin eine Positiv- und Negativliste für verschiedene Medikamente.
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Der we-
sentliche Unterschied zu den heutigen Leitlinien bestand darin, dass sie von ein-
zelnen Experten oder Expertengruppen nach deren frei gewählten Maßgaben
erstellt wurden; eine systematische Einbeziehung der bestmöglichen wissen-
schaftlichen Evidenz war hiermit noch nicht verbunden.
Die DGVS hat zahlreiche Leitlinien zu unterschiedlichen Themen erstellt.
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Die erste Leitlinie entwickelte Wolfgang Caspary 1996 zur Thematik des Helicob-
acter pylori.
15
Diese entsprach zwar noch nicht den heute gängigen Qualitäts-
richtlinien der evidenz-basierten Medizin, die die Leitlinien in drei unterschied-
lich anspruchsvolle Klassifikationsstufen unterteilen. Die erste Leitlinie zeigt
jedoch, dass die DGVS bereits früher als andere Fachgesellschaften mit Fragen der
Qualitätssicherung befasst war. Eine hohe Qualität der Leitlinien und ihre stete
Aktualisierung sind explizites Ziel der DGVS.
16
Im Jahr 2001 wurde unter Leitung vom Wolfgang Fleig eine Kommission
eingerichtet, die die wachsende Zahl der gastroenterologischen Leitlinien koordi-
nieren und Qualitätsansprüche sicherstellen sollte.
Der steigenden Bedeutung der Leitlinienentwicklung entsprechend wurden
im Jahr 2010 bei der Umstrukturierung des Vorstandes die Aufgaben dieser Kom-
11
Sackett DL, Rosenberg W. Evi-
dence Based Medicine. What it is
and what it isn’t. BMj 1996 January
13; 312 (7023): 71–72.
12
Siehe dazu u.a. Hart D. Ärzt-
liche Leitlinien – Definitionen,
Funktionen, rechtliche Bewer-
tungen. Gleichzeitig ein Beitrag
zum medizinischen und rechtli-
chen Standardbegriff. MedR 1998;
16/1: 8–16.
13
Fishman L. Methoden zur
Aktualisierung von medizini-
schen Leitlinien. Eine quantitative
und qualitative Analyse. Berlin
2012; 16.
14
Eine Übersicht über die
Leitlinien ist hier zu finden:
(13.8.2013).
15
Caspary WF, Arnold R, Bay-
erdörffer E, Behrens R, Birkner
B, Braden B, Domschke W, Labenz
J, Koletzko S, Malfertheiner
P, Menge H, Rösch W, Schepp
W, Strauch M, Stolte M. Diag-
nose und Therapie der Helicobac-
ter pylori Infektion. Leitlinie der
Deutschen Gesellschaft für Ver-
dauungs- und Stoffwechselkrank-
heiten. Z Gastroenterol 1996; 34:
392–401.
16
Koop H. Plädoyer für eine
Qualitätsoffensive. Z Gastroen-
terol; 47: 1123.
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Sonderausgaben der Zeitschrift für
Gastroenterologie, hier der Band
zur 64. Tagung 2009 in Hamburg.
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