100 Jahre DGVS - page 123

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Kapitel 8
bulante Tätigkeit zu erlauben, waren von großen Frustrationen und wenig Nach-
haltigkeit gekennzeichnet. Gescheitert sind entsprechende Reformen immer an
den wirtschaftlichen Partikularinteressen der Beteiligten. Die zunehmend kom-
plexeren Behandlungen von Patienten aus dem Bereich der Gastroenterologie
und Hepatologie machen aber eine Überwindung der Sektorengrenze mehr als in
anderen Fächern erforderlich. Wenn sich der Fokus der medizinischen Versor-
gung in Zukunft mehr auf die Behandlungsqualität und weniger auf eine Mengen-
ausweitung der Leistungen konzentriert, wird eine zunehmende Spezialisierung
zwingend erforderlich. In einem System, in dem jeder Gastroenterologe alles
kann, alles darf und alles anbietet, sind die zunehmend komplexerenAnforderun-
gen an die Behandlungsqualität nicht mehr abzubilden.
Die DGVS sollte deshalb eine Vordenkerrolle einnehmen und überlegen, wie
die Zusammenführung von ambulantem und stationärem Behandlungsbereich
in Zukunft kreativ und zum Nutzen der Patienten gestaltet werden kann. Das
hohe Niveau der gastroenterologischen Weiterbildung in Deutschland und die
flächendeckend hohe Qualität der endoskopischen Expertise bieten dafür ideale
Voraussetzungen. Die in letzter Zeit zunehmende Kooperationsbereitschaft und
Integration der verschiedenen Interessen von Niedergelassenen und Kranken-
haus-Gastroenterologen innerhalb von DGVS und BVGD haben auch eine günstige
Grundlage für die Entwicklung eines gemeinsamen strategischen Konzeptes ge-
legt. Die Gastroenterologie ist eines der Fächer, die am meisten von einer Über-
windung der Sektorengrenze in Deutschland profitieren und damit nicht nur für
ihre ärztlichen Mitglieder, sondern auch für ihre Patienten einen erheblichen
Mehrwert schaffen würde.
1
Innovation
ImVergleich zu anderen westlichen Ländern ist Deutschland ein Land, das medi-
zinische Innovationen sehr schnell und flächendeckend einführt und anwendet.
Ein Jahr nach der Markteinführung der Ballonenteroskopie waren in Deutschland
mehr Geräte verkauft und im Einsatz, als im gesamten restlichenWesteuropa zu-
sammen. Wesentlich schlechter bestellt ist es dagegen um die Erstattungsfähig-
keit innovativer Leistungen der Gastroenterologie, sowohl im ambulanten als
auch im stationären Bereich.
Um solche Innovationen Patienten zugänglich und die Kosten erstattungs-
fähig zu machen, professionalisiert sich die DGVS seit 2011 auf diesem Gebiet und
nimmt zunehmend die Hilfe externer Experten in Anspruch. Das Gesetz zur Neu-
ordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) vom 1. Januar 2011 bringt auf der Arz-
neimittelseite erhebliche Änderungen in der Erstattungsfähigkeit. Die Bewertung
neuer (und zumTeil auch alter) Arzneimittel erfolgt durch das Institut für Qualität
undWirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nach evidenzbasierten Kri-
terien. Aufgrund deren Empfehlungen entscheidet der Gemeinsame Bundesaus-
schuss mit seinen 13 stimmberechtigten Mitgliedern aus Krankenkassen, Kassen-
ärztlicher Bundesvereinigung und Deutscher Krankenhausgesellschaft rechtsver-
bindlich über den medizinischen Mehrwert einer Behandlung. Zu den Gutachten
des IQWiG werden die Fachgesellschaften gehört.
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Porter ME, Guth C. Chancen für
das Deutsche Gesundheitssystem
– von Partikularinteressen zu mehr
Patientennutzen. Berlin 2012.
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