100 Jahre DGVS - page 14

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Als eines der ältesten medizinischen Lehrwerke gilt das ab dem dritten
Jahrtausend v. Chr. verfasste
Huáng Dì Nèi Jīng
(
Das klassische Lehrwerk der Inneren
Medizin des Gelben Kaisers
). Den Verfassern des Werkes war über den Dünndarm
bereits bekannt, dass er »16 Krümmungen [macht] und [...] 2 Löcher [hat], von
denen eines mit dem Magen, das andere mit dem Dickdarm kommuniziert. Er
empfängt die Nahrung, verdaut sie und verwandelt sie in Chylus.«
5
Die umfang-
reichste Quelle zur ägyptischen Medizin ist das ca. 1.500 v. Chr. verfasste
Papyrus
Ebers
, auf welchem Krankheiten detailliert dargestellt und beinahe 900 Arznei-
mitteltherapien beschrieben werden. Auf dem Papyrus wird unter anderem auf
die Behandlung von Patienten mit einer Obstipation eingegangen.
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Die medizinischen Erkenntnisse der griechischen und römischenAntike re-
sultierten aus empirischen Beobachtungen. Wichtigster Vertreter der antiken rö-
mischenMedizin ist Galenos aus Pergamon (etwa 129–216 n. Chr.), der eine detail-
lierte Qualitäten- und Säftelehre entwickelte. Er ordnete dabei den Körpersäften
(Blut, gelbe und schwarze Galle, Schleim) jeweils ein Organ, ein Klima und eine
Jahreszeit zu. Krankheiten seien auf ein schlechtes Mischverhältnis dieser Säfte
zurückzuführen. Die grundlegende Idee von »Verdauung« im Altertum war, dass
man sie als »ein dem Kochen vergleichbares Garmachen der Speisen dachte«.
7
Die von Galenos entwickelte Humoralpathologie blieb bis weit in das 18. Jahrhun-
dert hinein das Paradigma, das die Medizin der westlichenWelt dominierte.
Die Übersetzung medizinischer Texte aus dem Griechischen in semitische
Sprachen ermöglichte der arabisch-islamischen Welt eine breite Rezeption der
antiken Medizin. Nach der islamischen Expansion folgte auf der Iberischen Halb-
insel eine Blütezeit der Medizin des arabisch-islamischen Mittelalters – das Wis-
sen der Antike wurde assimiliert und ergänzt. Diese Phase des wissenschaftlichen
und kulturellen Austausches wurde durch die »Reconquista« ab 718 zwar been-
det, bildete jedoch das »wesentliche Fundament der scholastischen Medizin des
westlichen Mittelalters«.
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Magen und Darm im Mittelalter und in der
Neuzeit in Zentraleuropa
Die westlichen Gelehrten des Mittelalters konzentrierten sich auf die Exegese und
Überlieferung der alten Meister und entwickelten kaum eigene Ideen. Es gab nur
wenige neue Behandlungsansätze in der Medizin im Allgemeinen, geschweige
4
Garrison FH. History of Gast-
roenterology. American Journal
of Digestive Disease 1934; 1:
893–898.
5
Puschmann T, Begr, Neuburger
M, Pagel J, Hg. Handbuch der
Geschichte der Medizin, Band 1,
Altertum und Mittelalter, Band
2, Neuere Zeit. Hildesheim, New
York 1971; 24.
6
Pietsch W. Anschauungen
über die Bedeutung von Leber
und Galle im Altertum bis Galen.
Rostock 1935; 11.
7
Puschmann T, Neuburger
M, Pagel J, Hg. Handbuch der
Geschichte der Medizin; 682.
8
Eckart WU. Geschichte der
Medizin. Berlin 1990; 82.
◀◀ Der
Papyrus Ebers
(etwa 1610
v. Chr.) ist eine medizinische Hand-
schrift aus dem alten Ägypten,
benannt nach Georg Ebers, der sie
um 1872 für die Leipziger Univer-
sitätsbibliothek in Theben erwarb.
Neben einem großen Spektrum an
Beschreibungen von Krankheiten
– der Papyrus enthält ein eigenes
Kapitel über Darmkrankheiten und
Parasiten – und deren Symptomen
und Diagnosen finden sich auch
Anweisungen für Behandlungen
sowie für die Zubereitung von
Heilmitteln. Dazu werden Zau-
bersprüche zur Unterstützung des
Heilerfolges angegeben.
◀ Galenos von Pergamon war ein
griechischer Arzt und Anatom,
der während des 2. und 3. Jahr-
hunderts n. Chr. lebte. Galenos’
systematisch ausgebautes Werk
war derart umfangreich und philo-
sophisch abgesichert, dass es 1.400
Jahre Geistesgeschichte brauchte,
es kritisch zu widerlegen. Seine
Fassung der Humoralpatholo-
gie hatte als Krankheitskonzept
Bestand bis ins 19. Jahrhundert.
Auf der Abbildung ist ein Schema
von Galenos’ Säftelehre dargestellt.
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