100 Jahre DGVS - page 15

13
Kapitel 1
denn für Magen-Darm- und Stoffwechselkrankheiten im Besonderen. Zwischen
dem 6. und dem 12. Jahrhundert entwickelten sich die Klöster zu den wichtigsten
medizinischen Zentren. Hier wurden – zunächst aus rein literarischem Interesse
– medizinische Texte gesammelt. Die gesammelten Erkenntnisse kamen jedoch
bald zur Anwendung, da die Klöster für die Gesundheit ihrer Bewohner verant-
wortlich waren.
9
Bis heute ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der monasti-
schen Medizin die Äbtissin Hildegard von Bingen. Sie hat zwar im engeren Sinne
keine eigenen medizinischen Forschungen betrieben, allerdings kommt ihr das
Verdienst zu, bereits bekannte Behandlungsmethoden aus unterschiedlichen
Quellen zusammengetragen zu haben. Unter anderem beschäftigte sie sich mit
der Wirkungsweise der eingenommenen Nahrung auf den Magen und riet dazu:
»Das erste Frühstück soll aus einer warmen Speise bestehen, die aus Früchten
und Mehl zubereitet wurde, damit der Magen warmwird, denn wenn der Mensch
zuerst ein kaltes Essen oder Trinken zu sich nimmt, macht er dadurch seinen Ma-
gen kalt und ein kalter Magen kann nicht gut verdauen«.
10
Beginn einer »modernen« Medizin
Erst nach dem Mittelalter lassen sich im Schatten der weiterhin dominanten Hu-
moralpathologie neuartige Ansätze für die Erforschung des Darmtraktes erken-
nen. Das alteWissen wurde nicht mehr per se als wahr und gültig anerkannt, son-
dern vermehrt in Zweifel gezogen und empirisch untersucht. Ein Ergebnis war die
»Iatrochemie« im ausgehenden 16. Jahrhundert. Dieser Ansatz ging davon aus,
dass sich die Verdauung als Prozess chemischer Zersetzung beschreiben lässt. Die
Iatrophysik des 17. Jahrhunderts konzeptualisierte den Körper dagegen – nach
demVorbild der Mechanik – als Maschine. Nach diesemVerständnis funktionier-
te die Verdauung wie folgt: Die »Zähne sind so vil als Messer und Mühlsteine, so
die vorgelegten Speisen zerschneiden oder zermalmen, der Schlund ein Trichter,
durch welchen die Speisen hinuntergebracht werden in den Magen, diser ein
kunstlicher Hafen, so die Speisen kochet, die Gedärm ein subtiles Sieb«.
11
Hier ist
bereits ein erstes Au�eimen des wissenschaftlich-methodischen Denkens der
modernen Medizin zu erkennen; der Blick in das Körperinnere war den Medizi-
nern jedoch weiterhin nicht möglich. Falsche Schlussfolgerungen waren die Fol-
ge.
12
Jenseits der Schilderungen der Patienten sowie der oberflächlichen Beob-
achtung durch die Ärzte waren die »versenkten Welten der Anatomie«
13
dem
9
Ebd.; 65ff.
10
Zit. nach Strickerschmidt H.
Geerdete Spiritualität bei Hilde-
gard von Bingen. Berlin 2006; 139.
11
Scheuchzer jj. Physica, oder
Natur-Wissenschaft, Erster Teil.
Zürich 1709; 29.
12
Rothschuh KE. Geschichte der
Physiologie. Berlin 1953; 45.
▶ Hildegard von Bingen war eine
Benediktinerin, die um 1150 lebte.
Sie galt als eine der wichtigsten
Universalgelehrten ihrer Zeit und
beschäftigte sich – neben der Theo-
logie, Ethik, Musiktheorie und
Kosmologie – auch mit medizini-
schen Fragen. Sie sammelte bereits
bekannte Behandlungsmethoden
aus verschiedenen Quellen.
▶▶ Die Medizinschule in Salerno
hatte ihre Glanzzeit vom 10. bis
zum 13. Jahrhundert. Zahlreiche
griechisch-arabische Texte wur-
den hier ins Lateinische übersetzt.
Diese Darstellung stammt aus dem
Qānūn at-Tibb
(Kanon der Medi-
zin) von Avicenna, in dem dieser
über griechische, römische und per-
sische Medizintraditionen schrieb.
1...,5,6,7,8,9,10,11,12,13,14 16,17,18,19,20,21,22,23,24,25,...180
Powered by FlippingBook