100 Jahre DGVS - page 17

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Kapitel 1
medizinischen Blick verschlossen. Der Hauptgrund hierfür war, dass Leichenöff-
nungen durch ein Edikt des Papstes Bonifatius VIII. seit 1300 mit dem Kirchen-
bann belegt waren. Erst die päpstlichen Ausnahmegenehmigungen für die
Universitäten Bologna (1484) und Padua (1534) machten die Anfänge einer syste-
matischen Erforschung der menschlichen Anatomie möglich.
Eine herausragende Rolle in der Erforschung der menschlichen Anatomie
spielte der flämische Arzt Andreas Vesalius (1514– 1564), der bedeutendste Ana-
tom des 16. Jahrhunderts. In seinemWerk
De humani corporis fabrica libri septem
aus dem Jahr 1543 beschrieb er diemenschlicheAnatomie so detailliert, wie es vor
ihm noch kein andererWissenschaftler vermocht hatte.
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ImGegensatz zu seinen
Zeitgenossen orientierte sich Vesalius nicht allein an den Texten Galenos’, wie es
bisher in der Medizin üblich war, sondern einzig an dem, was sich ihm im Rah-
men von Sektionen darbot. Auf dieseWeise widerlegte er die antiken Autoritäten
in zahlreichen Punkten. Neben dem verbesserten anatomischenWissen gilt Vesa-
lius deshalb als zentrale Figur der Medizingeschichte, weil er die empirische Be-
stätigung und beständige Überprüfung bestehenden Wissens zentral in den me-
dizinischen Erkenntnisprozess einbezog. Für die heutige Gastroenterologie hatten
die Erkenntnisse von Vesalius weitreichende Konsequenzen. In der Folge be-
schrieb etwa Johann GeorgWirsung 1642 den bei Sektionen entdeckten und nach
ihm benannten Ductus pancreaticus.
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1686 machte Johann Konrad Brunner auf
die Brunnerschen Drüsen aufmerksam, die bereits sieben Jahre zuvor von seinem
Schwiegervater, dem Anatomen Johann Jakob Wepfer, beschrieben worden wa-
ren, die aber von der medizinischen Fachwelt zunächst weitgehend unbeachtet
geblieben waren.
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Einen weiteren Schritt in Richtung einer modernen Medizin vollzog Gio-
vanni Battista Morgagni (1682– 1771). Er wandte sich strikt gegen die holistischen
und unspezifischen Erklärungsprinzipien der Humoralpathologie und setzte sich
stattdessen leidenschaftlich für die lokalistische und strukturelle Solidarpatholo-
gie ein.
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Konnte sich die Krankheit gemäß den Erklärungsprinzipien der Humo-
ralpathologie noch weitgehend frei im Körper bewegen, wies ihr die Solidarpa-
thologie fortan in Form der Organe einen festen Sitz im Körper zu. So beschrieb
Morgagni zum Beispiel als erster die chronische Pankreatitis anhand von Sekti-
onsbefunden. Diese Aufwertung der festen Strukturen des Körpers führte dazu,
dass die einzelnen Organe zunehmend Gegenstand spezifischer Untersuchungen
13
Eich W. Medizinische Semiotik
(1750–1850). Freiburg 1986; 53.
14
Reiser Sj. Medicine and the
reign of technology. Cambridge
1978; 13.
15
Gerabek WE, Haage BD, Keil
G, Wegner W, Hg. Enzyklopä-
die der Medizingeschichte. Berlin
2005; 1500.
16
Ebd.; 216.
17
Premuda L. Die anatomisch-kli-
nische Methode. Gesnerus 1987;
44: 15–32.
▶ Johann Konrad Brunner.
▶▶ Giovanni Battista Morgagni.
▶▶▶ Johann Jakob Wepfer.
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