100 Jahre DGVS - page 19

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Kapitel 1
chung. Das erlebte Leiden des Patienten stand somit im Mittelpunkt der ärztli-
chen Konsultation.
Dies änderte sich erst mit dem Bedeutungszuwachs der Krankenhausmedi-
zin. In den in großem Umfang neu entstehenden Kliniken trafen die Ärzte erst-
mals in größerer Zahl auf Patienten, die den unteren sozialen Schichten angehör-
ten und zuvor eher die Dienste der Laientherapeuten in Anspruch genommen
hatten. Im Gegensatz zur früheren Krankenbettmedizin, innerhalb derer der
Kranke zu Hause in seinem Bett thronte und den Ärzten gnädig Audienz erteilte,
waren die Abläufe in den Kliniken nun ganz nach den Bedürfnissen der Mediziner
organisiert. So war die Grundlage dafür geschaffen, dass sich die körperliche Un-
tersuchung als Zugang zur Krankheit etablierte. Der Patient hatte seinen Körper
stumm darzubieten, während der Arzt die Diagnose vornahm.
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Bei der Weiterentwicklung der medizinischen Forschungsmethodik kam
Claude Bernard (1813– 1878) eine zentrale Rolle zu.
20
Sein erklärtes Ziel war es,
eine wissenschaftliche Methodik für die Medizin zu etablieren. Seine Ergebnisse
erlangte er durch experimentelle Forschung im Labor, einschließlich umfangrei-
cher Tierversuche, welche für ihn das ZentrummedizinischerWissensproduktion
darstellten.
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Während der französischen Physiologie das Verdienst zukommt, ex-
perimentelles Arbeiten in die Medizin integriert zu haben, ist die deutsche medi-
zinische Forschung, vor allem prominent vertreten durch Johannes Müller
(1801 – 1858), dafür bekannt, dass sie die Vorgänge im Körper vorrangig anhand
chemischer und physikalischer Zusammenhänge zu erkären versuchte. Eine zen-
trale Rolle für die moderne Medizin besaßen dabei die neu entstandenen Labora-
torien, die den forschenden Ärzten eine naturwissenschaftliche Basis gaben. Das
Handbuch der Physiologie des Menschen
von Johannes Müller
, das
zwischen 1837
und 1840 erstmals herausgegeben wurde, war ein erstes wegweisendes Ergebnis
der neuen Methodik. Aus ihr folgte etwa die Entdeckung der exokrinen Drüsens-
trukturen in Magen und Pankreas durch Rudolf Heidenhain (1834– 1897).
Friedrich Theodor von Frerichs
ImBereich der Gastroenterologie und Hepatologie war FriedrichTheodor von Fre-
richs
(1819– 1888) bedeutender Repräsentant des neuen Paradigmas.
22
Er war seit
1859 ärztlicher Leiter der Medizinischen Klinik der Charité in Berlin. Von Frerichs
war in Göttingen von Friedrich Wöhler für die Chemie begeistert worden, hatte
20
Enzyklopädie der Medizinge-
schichte. Berlin 2005; 411.
21
Lesch jE. Mani N. Die histori-
schen Grundlagen der Leberfor-
schung, Band II. (Baseler Veröf-
fentlichungen zur Geschichte der
Medizin und Biologie, Fac. XXI.)
Basel, Stuttgart 1967; 373–395,
hier 373. 1790–1855. Cambridge
1984.
22
Franken FH. Friedrich Theo-
dor Frerichs (1819–1885), Leben
und hepatologisches Werk. Frei-
burg 1994.
23
Ewald CA. Friedrich Theo-
dor von Frerichs. In: Allgemeine
Deutsche Biographie 1885; 21:
782–790.
24
Mani N. Die historischen
Grundlagen der Leberforschung,
Band II. Baseler Veröffentlichun-
gen zur Geschichte der Medizin
und Biologie. Fac. XXI. Basel, Stutt-
gart 1967; 373–395, hier 373.
▶ Moderne Krankenbehandlung
im 19. Jahrhundert: In Kranken-
häusern werden körperliche Unter-
suchungen durchgeführt. Die Dia-
gnose allein über Befragungen der
Patienten wird abgelöst. Hier das
Allgemeine Krankenhaus München
von 1813.
▶▶ Claude Bernard (1813–1878)
spielte für die Weiterentwicklung
der medizinischen Methode eine
zentrale Rolle. Er stellte Experi-
mente und auch umfangreiche
Tierversuche ins Zentrum seiner
medizinischen Wissensproduktion.
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