100 Jahre DGVS - page 21

19
Kapitel 1
Adolf Kußmaul (1822–1902)
beschäftigte sich als breit ausgebildeter Internist bereits
während seines Ordinariates in Freiburg 1867 mit Magenerkrankungen. Seine Arbeit
Über
die Behandlung der Magenerweiterung durch eine neue Methode mittels Magenpumpe,
die 1869
im
Deutschen Archiv für Klinische Medizin
erschienen war, war bahnbrechend, sowohl in
therapeutischer (zur Entlastung des Magens bei stenosierenden Prozessen) als auch in dia-
gnostischer Hinsicht – zumal jetzt Magensaftanalysen zur Bestimmung des Salzsäurege-
haltes imMagen bei Gesunden und Kranken möglich waren. Kußmaul hatte als erster 1868
die starre Spiegelung von Speiseröhre und Magen angewandt. Seine Arbeiten gaben einen
wichtigen Anstoß zur Erforschung der Magenkrankheiten und zur Weiterentwicklung der
Oesophago-Gastroskopie. Sie stellten einen wichtigen Schritt auf demWeg in die Speziali-
sierung dar, auch wenn sich Kußmaul als Internist verstand, der »Abspaltungen« von der
Inneren Medizin ablehnte und der sich aus diesem Grunde 1895 an der von Boas vorge-
schlagenen Herausgeberschaft des
Archivs fürVerdauungskrankheiten
nicht beteiligenwollte.
Wilhelm Olivier von Leube (1842–1922)
, seit 1874 Leiter der Medizinischen Klinik in
Erlangen und seit 1885 inWürzburg tätig, beschäftigte sich als Internist frühzeitig mit den
Magen- und Darmkrankheiten. Insbesondere benutzte er die Magensonde zu diagnosti-
schen Zwecken.
29
Er verfasste die breit rezipierten Schriften
Die Krankheiten des Magens
und Darms
(1878) und
Die Magensonde: die Geschichte ihrer Entwicklung und ihre Bedeutung in
diagnostisch-therapeutischer Hinsicht
(1879). 1901 wurde von Leube wegen seiner Verdienste
zum Ehrenmitglied der American Gastroenterological Association ernannt.
Hermann Nothnagel (1841–1905)
war zunächst enger Mitarbeiter Ernst von Leydens
in Berlin.
30
Mit diesemwechselte er nach Königsberg und wurde dort habilitiert.Auf Betrei-
ben von Kußmaul übernahmNothnagel 1872 in Freiburg eine Professur fürArzneimittelleh-
re und die Leitung der Medizinischen Poliklinik; nach einer Zwischenstation in Jena wurde
er 1882 zum ärztlichen Vorstand der 1. Medizinischen Universitätsklinik inWien berufen.
31
Wegweisend für die Gastroenterologie waren seine 1884 publizierten
Beiträge zur Physiolo-
gie und Pathologie des Darmes
und
Die Erkrankungen des Darmes und des Peritoneums
von
1898. Nothnagels Haltung war von Menschlichkeit und hohem Rechtsempfinden gekenn-
zeichnet; er gehörte 1891 inWien zu den Gründern des Vereins zur Abwehr des Antisemitis-
mus und hat öffentlich und konsequent gegen den Antisemitismus Stellung bezogen.
32
In
seiner berühmtenWienerAntrittsvorlesung vom 16. Oktober 1882 formulierte er jene Sätze,
die später immer wieder zitiert wurden: »[…]mit Kranken, nicht mit Krankheiten hat es die
Klinik zu tun[…] Nur ein guter Mensch kann ein grosser Arzt sein«
33
.
Fritz Riegel (1843–1904)
beschäftigte sich in seinen Arbeiten vornehmlich mit der
funktionellen Diagnostik der Magenkrankheitenmittels differenzierterAnalyse der Magen-
säuresekretion. Er vertrat dieAuffassung, dass für die Chronifizierung des Magenulcus eine
Hyperazidität notwendig sei, und entdeckte die hemmende Wirkung des Atropins auf die
Magensaftsekretion. Große Anerkennung erwarb er sich durch den Beitrag
Die Erkrankun-
gen des Magens
in Nothnagels
Handbuch der Speciellen Pathologie undTherapie
(1897). Riegel
gehörte zu den ersten Mitherausgebern des
Archivs für Verdauungskrankheiten.
1...,11,12,13,14,15,16,17,18,19,20 22,23,24,25,26,27,28,29,30,31,...180
Powered by FlippingBook