100 Jahre DGVS - page 23

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Kapitel 2
Die Gründung der DGVS
»Zwei Richtungen stehen sich in der modernen Heilkunde gegenüber: die eine bestrebt,
die Unität der Wissenschaft zu erhalten und jede Spaltung und Zerklüftung zu verhü-
ten, die andere, getragen von dem Gedanken, den Rohbau des medicinischen Gebäu-
des durch Detailarbeit zu verfeinern und auszugestalten […] die Trennung einzelner
Disciplinen [wird] demGrundstock derWissenschaft nicht schaden, wohl aber wird die
Einzelforschung, im kleinsten Punkt die größte Kraft sammelnd, koncentrierter an Er-
gebnissen, welche wiederum der Gesamtwissenschaft zu gute kommen.«
1
Mit dieser
Programmatik fasste Ismar Boas 1896 eine Debatte zusammen, die das Span-
nungsfeld zwischen Einheit der Inneren Medizin und Spezialisierung mit fachli-
chen Schwerpunkten wesentlich berührte. 14 Jahre zuvor hatte FriedrichTheodor
von Frerichs in seiner Eröffnungsrede zum ersten Kongress für Innere Medizin in
Wiesbaden zwar die Erfolge durch die Arbeitsteilung und den Ausbau von Einzel-
fächern gewürdigt, aber gleichzeitig die Einheit der Inneren Medizin beschworen
und von der Einheitsidee des menschlichen Organismus gesprochen.
2
Ebenso
vertrat Boas einen ganzheitlichen Ansatz, blickte weit über die Organgrenzen hi-
naus und plädierte für »die Schärfung des Blickes für das Ganze, in der Erken-
nung, daß nicht Krankheit, sondern der Kranke Gegenstand ärztlicher Fürsorge«
3
ist. Allerdings waren nach seiner Meinung Fortschritt in der Wissenschaft und
Qualität nur durch Spezialisierung und Konzentration zu erreichen. Boas hatte
bereits 1886 aus seinen Überlegungen eine praktische Konsequenz gezogen und
sich in einem kühnen Schritt als »Specialarzt für Magen-Darm-Krankheiten« in
der Berliner Friedrichstraße niedergelassen.
Für Boas selbst war diese Bezeichnung eine »abgekürzte Nomenklatur«; das
Spezialfach umfasse den »gesamten Verdauungsapparat, die Leber und die Gal-
lenwege, das Pankreas und die Erkrankungen des Peritoneums« sowie auf die
»engen Beziehungen zwischen Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten«.
4
Mit
seinemmutigen Schritt in die Spezialisierung realisierte er eine ärztliche Differen-
zierung, wie sie sich in vielen Bereichen am Ende des 19. Jahrhunderts vollzog;
und er antizipierte eine Entwicklung, die 38 Jahre später, 1924, mit der Einführung
eines Facharztes für Magen-Darm- und Stoffwechselerkrankungen eine Bestäti-
gung fand. Boas’ Vorschläge waren zunächst umstritten. So distanzierte sich sein
Mentor Carl Anton Ewald, obwohl selbst Wegbereiter der Gastroenterologie, mit
deutlichen Worten von seinem Schüler, vertrat offensiv die Einheit der Inneren
Medizin und lehnte explizit eine eigenständige Spezialisierung ab; erst später kor-
rigierte Ewald seine Haltung gegenüber dem neuen Fach.
5
1
Boas I. Über Ziele und Wege der
Verdauungspathologie. Arch f Ver-
dauungskr 1896; 1: 1. Vgl. Boas
I. Zum 25-jährigen Bestehen des
Magen-Darmspezialismus, Rück-
blicke und Ausblicke. Arch f Ver-
dauungskr 1911; 17: 511–532.
2
Frerichs FT. Eröffnungsrede,
Erster Congress für Innere Medi-
zin. In: Lasch HG, Schlegel B, Hg.
Hundert Jahre Deutsche Gesell-
schaft für Innere Medizin, Die
Eröffnungsreden der Vorsitzenden
1882–1982. München 1982; 3–7.
3
Boas I. Über Ziele und Wege der
Verdauungspathologie; 1.
4
Boas I. Autoergographie. In:
Grote LR, Hg. Medizin der Gegen-
wart in Selbstdarstellungen, Band
7. Leipzig 1928; 83.
5
Jenss H. Carl Anton Ewald
(1845–1915), Wegbereiter der
Gastroenterologie. Freiburg 2009;
26–29. Vgl. Ewald CA [Vortrag].
Ansprache über Anlaß und Ziele
der Tagung, 1. Tagung über Ver-
dauungs- und Stoffwechselkrank-
heiten, Bad Homburg 1914. In:
Verhandlungen der Ersten Tagung
über Verdauungs- und Stoffwech-
selkrankheiten. Berlin 1916; 4–7.
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