100 Jahre DGVS - page 28

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Carl Anton Ewald
1845–1915
Carl Anton Ewald, der bedeutendeWegbereiter der Gastroenterologie, wurde von einer Zeit
geprägt, in der es durch einen enormen Wissenszuwachs in der Chemie, Physik und Phy-
siologie zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel in der Medizin kam. Aus der weitge-
hend spekulativen Medizin entwickelte sich eine angewandte Wissenschaft. Nicht mehr
die Phänomenologie der Krankheiten stand imVordergrund, sondern deren Ursachen; pa-
thophysiologische Hintergründe und veränderte Organfunktionen wurden erstmals, zu-
mindest teilweise, mittels naturwissenschaftlicher Verfahren begreiflich und nachweisbar.
Ewald, 1845 in Berlin geboren, hatte sich bereits während seines Medizinstudiums
bei Eduard Pflüger in Bonn mit Fragen der Physiologie und der physiologischen Chemie
beschäftigt.
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Nach Eintritt in die I. Medizinische Klinik der Charité Berlin 1871 und als Mit-
arbeiter von Frerichs widmete sich Ewald zunehmend Fragen der Verdauungsphysiologie
und -pathologie.
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Er untersuchte systematisch die Magensekretion, den Mageninhalt so-
wie die Magenentleerung. Dabei bediente er sich konsequent der damals verfügbaren tech-
nischen sowie chemisch-analytischen Methoden. Ewald begründete – zeitgleich mit Leo-
pold Oser aus Wien – die Sondierung des Magens mit einem weichen Gummischlauch.
Durch diesen Meilenstein wurde die Analyse der Magensekretion maßgeblich erleichtert.
Die Standardisierung der Funktionsuntersuchung des Magens mittels eines Probefrüh-
stücks geht auf die Kooperation zwischen Ewald und Boas zurück.
Ewald hielt an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin frühzeitig Vorlesungen
über die
Lehre von derVerdauung
und publizierte diese 1879 als Einleitung zu seinem synop-
tischen Werk
Klinik der Verdauungskrankheiten
. Als Band 2 folgte 1888
Die Krankheiten des
Magens
, bei dem es sich um das erste Spezialbuch in dem neuen Fachgebiet handelte. Der
dritte Band erschien 1902 unter dem Titel
Die Krankheiten des Darmes und des Bauchfells
.
1913 publizierte er
Die Leberkrankheiten.
Ewald fasste mit diesen Werken seine eigenen Er-
kenntnisse und vor allem das damals noch sehr verstreute Wissen um die Verdauungs-
krankheiten zusammen und machte es verfügbar.
1874 habilitiert, leitete Ewald ab 1876 die Frauen-Siechen-Anstalt in Berlin. 1882
wurde er zum Extraordinarius der Berliner Universität ernannt. Er war seit 1888 als Nach-
folger Hermann Senators ärztlicher Leiter der Abteilung Innere Medizin amAugustahospi-
tal Berlin, eine Funktion, die er bis zu seinem Tod 1915 innehatte.
1901 wurde Ewald inWürdigung seiner Verdienste mit der Ehrenmitgliedschaft der
American Gastroenterological Association (AGA) ausgezeichnet. Über lange Zeit war er
Schriftleiter der angesehenen
Berliner Klinischen Wochenschrift
. Neben seiner medizini-
schen Tätigkeit widmete er sich sozialen und sozialhygienischen Fragen. So förderte er die
Schaffung von Ferienkolonien für Berliner Jugendliche und unterstütze den Kampf gegen
Tuberkulose bei Kindern.
Es ist Ewalds Verdienst, die Aufmerksamkeit auf Fragen der Verdauungsphysiologie
und -pathologie gelenkt und wichtige Grundlagen zur funktionellen Diagnostik geschaffen
zu haben. Gleichwohl vermochte es Ewald aufgrund seines Selbstverständnisses zunächst
nicht, das neue Fachgebiet als eigenständig anzusehen und jene Entwicklung, die Ismar
Boas antizipierte, offen zu unterstützen.
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