100 Jahre DGVS - page 29

27
Kapitel 2
Ismar Isidor Boas
1858–1938
Boas wurde 1858 in Posen-Westpreußen in einer jüdischen Familie geboren. Während des
Studiums interessierte er sich für die Physiologie und Pathologie der Verdauung. Innovativ,
unabhängig denkend und keiner Tradition verpflichtet, eröffnete Boas 1886 mit 28 Jahren
in der Berliner Friedrichstraße als erster Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten eine
Praxis und parallel eine Poliklinik mit einem kleinen Labor. So etablierte er die Gastroente-
rologie als neues Fachgebiet der Inneren Medizin und prägte sie maßgeblich bis 1933.
32
Neben seiner praktischen Tätigkeit als Arzt forschte er gemeinsammit seinemMen-
tor Carl A. Ewald über die Magensekretion, eignete sich die neuen chemischen und bakte-
riologischen Methoden an und betrieb ein umfassendes Literaturstudium.
33
Er gründete
1895/96 das
Archiv für Verdauungskrankheiten
und gab Anstoß zur ersten Tagung über Ver-
dauungskrankheiten. In Berlin hielt er zahlreiche Fortbildungskurse über Magen-Darm-
Krankheiten ab. Eine große Zahl in- und ausländischer Ärzte hospitierte bei ihm.
Wissenschaftlich beschäftigte sich Boas mit Fragen der Magenfunktion. Er war an
der Einführung des Ewald-Boasschen Probefrühstücks wesentlich beteiligt und arbeitete
zu Problemen des Magenulcus sowie des Magenkarzinoms. Er beschrieb den Nachweis ok-
kulten Blutes im Stuhl (Guajak-Test) als diagnostische Methode zur frühen Erkennung von
Tumorerkrankungen des Gastrointestinaltraktes und machte 1903 die Colitis ulcerosa in
Deutschland bekannt. Boas erkannte frühzeitig denWert der radiologischen Magen-Darm-
Darstellung.
34
Stets plädierte er für eine fundierte wissenschaftliche Medizin, für ein kriti-
sches Hinterfragen der gewonnenen Erkenntnisse und für eine Überprüfung derWirksam-
keit von Arzneimitteln durch unabhängige Institute.
35
Damit antizipierte er Prinzipien der
evidenzbasierten Medizin. Seine Lehrbücher, vor allem seine
Diagnostik und Therapie der
Magenkrankheiten
(1890), erlebten zahlreiche Auflagen in Deutsch und Englisch. Wegwei-
send sind zudem
Die Lehre von den okkulten Blutungen
(1914) und seine Publikationen zum
Magenulcus. 1901 wurde Boas korrespondierendes Mitglied der American Gastroenterolo-
gical Association und 1910 Ehrenmitglied.
Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Boas 1933 gezwungen, die Schriftleitung
des
Archivs
abzugeben. Er emigrierte 1936 nachWien. 1937 würdigte ihn das Lenox Hill Hos-
pital (das frühere Deutsche Krankenhaus) in NewYork mit einem Relief über demMax Ein-
horn-Auditorium neben Portraits von Kußmaul und Ewald.
36
Ismar Boas nahm sich im März 1938 nach dem »Anschluss« Österreichs an das
Deutsche Reich das Leben.
37
Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Weißen-
see in Berlin. Seine Ehefrau Sophie Boas, geb. Asch, floh 1938 nach Holland. Sie wurde im
März 1943 nach Sobibor deportiert und ermordet. Der Sohn Kurt Boas, Dermatologe in
Sachsen, wurde 1935 im KZ Sachsenburg inhaftiert, seine Spur verliert sich nach 1938. Eine
Tochter emigrierte im Januar 1939 in die USA.
Ismar Boas wurde trotz seiner Verdienste zunächst vergessen. Es waren Julius Klee-
berg (Jerusalem) und der Engländer Harold Avery, die 1958 an Boas erinnerten.
38
Die DGVS
ehrte Boas 1992 mit einer Gedenktafel in der Berliner Charité. Diese wurde nach Umbauar-
beiten im Jahr 2013 an prominenter Stelle zum 75. Jahrestag des Todes von Boas und zum
100. Jahrestag der Gründung der DGVS wieder angebracht. Die alljährlich von der DGVS ver-
liehene Boas-Medaille sowie der Boas-Preis erinnern an den großen Forscher und Lehrer
der Gastroenterologie.
1...,19,20,21,22,23,24,25,26,27,28 30,31,32,33,34,35,36,37,38,39,...180
Powered by FlippingBook