100 Jahre DGVS - page 33

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Kapitel 2
Deutsche Medizin als Magnet 1875–1914
In hoher Anzahl kamen in jenen Jahrzehnten zwischen 1875 und 1914 Studierende
und junge Ärzte nach Deutschland, um sich in der neu entstehenden Fachdiszip-
lin ausbilden zu lassen. DieWertschätzung aus demAusland beschränkte sich da-
bei keineswegs auf die Gastroenterologie, sondern umfasste seit der zweiten Hälf-
te des 19. Jahrhunderts die gesamte medizinischeWissenschaft.
Die Gründe für die Vorreiterrolle Deutschlands sind vielfältig: Die rasche
Dynamik der Wissenschaftsdifferenzierung mit zunehmender Spezialisierung
vor demHintergrund des immensenWissenszuwachses, neue Methoden, der kli-
nische Unterricht, die Ausstattung von Laboratorien und Kliniken wurden ebenso
zur Erklärung herangezogen wie die zunehmende Selbstwahrnehmung der deut-
schen Universitäten als Forschungseinrichtungen. Die Vorreiterrolle bei dieser
Neuausrichtung der Universitäten hatte dabei zunächst Halle, später Göttingen
und zuletzt ab 1810 Berlin. Auch die Konvergenz mit staatlichenModernisierungs-
interessen ist in diesem Kontext von Bedeutung.
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Als weiterer Grund wird die
Existenz akademischer Institutionen genannt, welche die Mobilität von Lehrern
und Schülern förderte und somit zu einem regelmäßigen und befruchtendenAus-
tausch beitrug. Zudem sorgte die dezentraleWissenschaftslandschaft in Deutsch-
land dafür, dass Universitäten mit gut ausgestatteten Laboratorien, qualifizierten
Mitarbeitern und einem angemessenen Zeitbudget um ihr Personal werben
mussten. Der hohe Wettbewerb der deutschen Universitäten untereinander trug
dazu bei, die Berufsrolle desWissenschaftlers zu realisieren und die fachliche Spe-
zialisierung voranzutreiben. Das führte zu einer gravierenden Transformation, die
die akademische Karriere in Deutschland durchlief.
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Diese Entwicklung legte
nahe, sich am Ende der Ausbildung für ein Fachgebiet zu entscheiden. Generalis-
ten verloren in Deutschland zugunsten von Spezialisten zunehmend an Bedeu-
tung.
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Darüber hinaus gab es an den in großer Anzahl entstehenden Laboratorien
die Möglichkeit, sich völlig losgelöst von der Tätigkeit als praktischer Arzt, aus-
schließlich der medizinischen Forschung zu widmen.
Neben diesen strukturellen Gründen sei jedoch daran erinnert, dass es her-
ausragender Persönlichkeiten bedurfte, das Potenzial dieser Gegebenheiten opti-
mal auszunutzen. Es ist nicht zuletzt ihren unermüdlichenAnstrengungen zu ver-
danken, dass Deutschland zu jener Zeit als das Zentrum der Weltmedizin
wahrgenommen wurde. »In those days a young man’s education really wasn’t
complete unless he went to Europe – particulary to Germany – for a year or two of
postgraduate study, just opposite of what happens now«
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, so James D. Boyle im
Rückblick auf die Situation Ende des 19. Jahrhunderts.Während dieAusbildung in
den Grundlagenfächern gewöhnlich imHeimatland absolviert wurde, erfolgte die
Facharztausbildung in Deutschland. Ein Großteil der jungenÄrzte kehrte nach ab-
geschlossener Weiterbildung zurück in die Heimat. Die Erfahrungen, die sie in
Deutschland gesammelt hatten, hatten nicht selten gravierende Auswirkungen
auf die wissenschaftliche und organisatorischeWeiterentwicklung der Medizin in
ihren Heimatländern. Als Beispiel sei nur Iwan Pawlow (Nobelpreis 1904) aus
Russland genannt, der von 1884 bis 1886 bei Rudolf Heidenhain in Breslau seine
»post doc-Jahre« am physiologischen Institut verbrachte.
47
Pariser C. Vita. In: Phthisis
pulmonum als Nachkrankheit
zu geschwürigen Processen des
Darmtractus [Dissertation]. Ber-
lin 1886.
48
Berliner Adressbuch, Unter
Benutzung amtlicher Quellen.
Berlin 1896–1943.
49
Pariser C. Skizze einer allgemei-
nen Diätetik für Magenkranke.
Berlin 1896. Vgl. die Rezension
dieser Schrift durch B. Oppler
in: Arch f Verdauungskr 1896; 2:
278–279.
50
Grosche H. Geschichte der
Stadt Bad Homburg vor der Höhe.
In: Magistrat der Stadt Bad Hom-
burg v d H, Hg. Sonderband:
Geschichte der Juden in Bad Hom-
burg vor der Höhe 1866–1945.
Frankfurt/M 1991; 32–34.
51
Herz YS. Meine Erinnerung
an Bad Homburg und seine
600jährige jüdische Gemeinde
(1335–1942). Rechovot (Israel)
1981; 269.
52
Roemheld L. Praktische Diä-
tetik für Ärzte und Patienten, 3.
erweiterte und neubearbeitete
Auflage des »praktischen diäteti-
schen Kochbuches« von Dr. Curt
Pariser. Leipzig 1933.
53
Pariser C. Antisemitismus –
Anarchismus. Im deutschen Reich.
Zeitschrift des Centralvereins
deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens 1895; 1 (5): 205–230.
54
Grosche H. Geschichte. In:
Geschichte der Juden; 36. Vgl.
Nachruf. Dem Andenken Dr. Curt
Parisers. Dem Schöpfer der Hom-
burger Diäten. o.V. Taunusbote
29.12.1931 (Nr. 303).
55
Boas I. Autoergographie; 87.
56
Starck H. Die Krankheiten der
Speiseröhre [Vorwort], Ein Lehr-
buch für Studierende, den prakti-
schen Arzt und den Spezialisten.
Darmstadt 1952.
57
Vgl. Privatarchiv Starck.
58
Schadewaldt, H. Leyden, Ernst
von. In: Neue Deutsche Biogra-
phie 1985; 14: 428–429.
59
Classen M, Tytgat GNj, Light-
dale C, Hg. Gastroenterologische
Endoskopie, Das Referenzwerk zur
endoskopischen Diagnostik und
Therapie. Stuttgart 2003; 8.
60
Vgl. Haenisch G, Schriefers
H, Norden G. 100 Jahre VLK, Zur
Geschichte und Zukunft des Ver-
bandes der Leitenden Kranken-
hausärzte Deutschlands e.V. In:
Arzt und Krankenhaus 2012; 9:
262ff.
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