100 Jahre DGVS - page 34

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Im Gegensatz zur europäischen Medizin, die sich seit dem 18. Jahrhundert
an verschiedenen Zentren mit großer Dynamik weiterentwickelte, befand sich
die Medizin Nordamerikas im gleichen Zeitraum auf einem vergleichsweise nied-
rigen Niveau. Angezogen von Berlin undWien kamen in den letzten Jahrzehnten
des 19. Jahrhunderts viele amerikanische Mediziner an die deutschen Universitä-
ten. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Zeit zwischen 1870 und 1914 etwa
10.000 Amerikaner an den deutschen Universitäten immatrikuliert waren.
Die
Mehrheit von ihnen hatte ihr medizinisches Grundstudium bereits in den USA ab-
solviert. Europa war aufgrund der Spezialisierungsmöglichkeiten gerade für ihre
postgradualen Studien überaus attraktiv. In diesem Kontext wurde in Berlin die
Anglo-American Medical Association gegründet, die für die jungen Amerikaner
Vermittlungsdienste übernahm sowie Fortbildungen mit deutschen Dozenten
und die Teilnahme an deren Ferienkursen organisierte.
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Um dem großen Interes-
se an Fortbildung entgegenzukommen, hatte sich 1880 in Berlin die Dozentenver-
einigung für ärztliche Ferienkurse (Fortbildung) gebildet.
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Indemdie meisten der
amerikanischen Mediziner nach einer gewissen Zeit wieder in die USA zurück-
kehrten, übten sie ab 1880 einen starkenEinfluss auf die amerikanischeMediziner-
ausbildung aus.
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Auch auf inhaltlicher Ebene erhielt die amerikanische Medizin
wichtige Impulse aus Europa. Im Bereich der Gastroenterologie war Max Einhorn
eine Schlüsselfigur. Einhorn wurde 1862 nahe Grodno (Polen) geboren, begann in
Kiew das Medizinstudium und wechselte 1881 nach Berlin, wo er bei Paul Ehrlich
und dem Biochemiker Ernst Salkowski experimentell arbeitete. Er ging 1885 nach
New York an das Deutsche Hospital (später Lenox Hill Hospital) und bekleidete
seit 1889 an der New York Postgraduate Medical School den ersten Lehrstuhl für
Gastroenterologie in den USA.
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Beeinflusst von Ewald, in dessen Praxis und Labor
in Berlin er 1888 vorübergehend arbeitete und dessen Kurs über Magenkrankhei-
ten er besuchte, leistete Einhorn mit seinen Arbeiten wichtige Beiträge vor allem
zur Diagnostik von Magen-Darm-Krankheiten. Gemeinsam mit dem Deutscha-
merikaner John C. Hemmeter, der ebenfalls bei Ewald in Berlin hospitiert hatte,
mit Julius Friedenwald, Jacob Kaufmann und anderen gründete Einhorn am 3.
Juni 1897 in Philadelphia die American Gastroenterological Association (AGA).
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Es sei auch Samuel James Meltzer genannt, der in Königsberg und Berlin studier-
te, dort 1882 sein Medizinstudium beendete und frühe Untersuchungen zur Oeso-
phagusmotilität anstellte; Meltzer spielte seit 1883 in den USA eine wichtige Rolle
bei der Entwicklung der experimentellen Forschung, wurde führender Physiologe
und war 1904 Präsident der AGA.
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Während der Einfluss der deutschen Medizin auf die USA bis 1914 allgemein
bekannt ist, werden die Beziehungen zu anderen Erdteilen sehr viel seltener er-
wähnt. Bereits einige Jahre bevor man in Deutschland die Gesellschaft für Verdau-
ungs- und Stoffwechselkrankheiten ins Leben rief, wurde in Japan 1898 mit der
Gesellschaft zum Studium der Verdauungskrankheiten eine ähnliche Organisati-
on geschaffen.
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Gründer war der berühmte Kliniker und Arzt Shokichi Nagayo,
der sein Medizinstudium in München, Würzburg und Berlin absolviert hatte. Er
war einige Jahre in Würzburg bei von Leube tätig und vertiefte seine Kenntnisse
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