100 Jahre DGVS - page 37

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Kapitel 3
Gastroenterologen  – 
Entrechtung – Vertreibung – Anpassung – Verstrickung
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Paul von Hinden-
burg zum Reichskanzler ernannt.
Nach der »Machtübergabe« begannen die Natio-
nalsozialisten
, das politische und gesellschaftliche System Deutschlands grundle-
gend zu verändern
.
Bereits imMärz 1933 wurde das »Gesetz zur Behebung der Not
von Volk und Reich« erlassen; das »Ermächtigungsgesetz« war ein weiterer
Schritt in die Diktatur. Für die Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechsel-
krankheiten bedeuteten die nationalsozialistische Rassenideologie und die NS-
Gesetzgebung im ersten Halbjahr 1933 eine tiefgreifende Zäsur. Viele Gastro-
enterologen waren jüdischer Herkunft und so direkt betroffen.
1
Ausschluss der jüdischen Mitglieder aus der Gesellschaft
Hermann Strauß, gewählter Vorsitzender der geplanten 12. Tagung der Gesell-
schaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten imSeptember 1933 in Berlin,
stellte verbittert fest, dass »der Begriff der Collegialität von nun an die Rasse ge-
bunden war«
2
. Am 29. April 1933 wurde er gezwungen, sein Amt abzugeben. Mit
Strauß mussten – neben dem Ehrenmitglied Ismar Boas – drei weitere der sechs
Vorstandsmitglieder die Gesellschaft verlassen: Ferdinand Blumenthal, Paul Os-
waldWolff und Otto Porges. Darau�in traten der Vorstand und der Ausschuss zu-
rück; der geplante Kongress fiel aus. Die 12. Tagung fand erst imApril 1934 gemein-
sam mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden statt.
3
Den
Vorsitz übernahm Carl Hegler aus Hamburg; Generalsekretär blieb für eine Über-
gangszeit Reinhard von den Velden, der in der Folge – ein Großvater war Jude –
ausscheiden und später nach Argentinien emigrieren musste.
4
Der Stellvertreter
von den Veldens, Paul Oswald Wolff, musste, wie der Schatzmeister der Gesell-
schaft, der bekannte Berliner Krebsforscher Ferdinand Blumenthal, wegen seiner
jüdischen Herkunft sein Amt niederlegen und verließ Deutschland bereits 1933.
5
Im selben Jahr wurden mindestens 100 Mitglieder der Gesellschaft für Verdau-
ungs- und Stoffwechselkrankheitenwegen ihrer jüdischen Herkunft aus demMit-
gliederverzeichnis getilgt.
6
ImOktober 1933 wurde das Schriftleitergesetz erlassen: Jüdische Mediziner
wurden von der Schriftleitung der wissenschaftlichen Fachzeitschriften ausge-
schlossen. So wurde Ismar Boas Ende 1933 aus seiner 37-jährigen Redaktionslei-
tung für das
Archiv
gedrängt.
Hegler stellte während der Tagung 1934 in Wiesbaden fest: »Begreiflicher-
weise ist in diesem Jahr die Zahl der nichtdeutschen Besucher unserer Tagung
1
Teicher W. Untersuchungen zur
ärztlichen Spezialisierung im Spie-
gel des Reichsmedizinalkalenders
am Beispiel Preußens im ersten
Drittel des 20. Jahrhunderts [Dis-
sertation]. Mainz 1992; 79−156.
2
Strauß H. Autobiographische
Notizen, Heft 3; 45. Unveröf-
fentlicht. Privatbesitz Frau Hall-
mann-Strauß. Kopie im Besitz des
Mitautors Harro Jenss.
3
Ebd.; 43. Vgl. Verh Ges Verd
Stoffwechselkr, XII, (12. und 13.
April 1934). Ordentliche Mitglie-
derversammlung, XII. Tagung in
Wiesbaden. Leipzig 1934; 11.
4
Ebd.; 11. Vgl. zu von den
Velden: Beckmann P. Zum 70.
Geburtstag Prof. R. von den Vel-
dens. Dtsch Med Wochenschr
1950; 75: 1699. Vgl. UA HUB PA UK
V 008, Band I Bl. 8.
5
Siehe zu Blumenthal: Jenss H,
Reinicke P. Ferdinand Blumenthal,
Kämpfer für eine fortschrittliche
Krebsmedizin und Krebsfürsorge.
Berlin 2012. Zu Wolff vgl. Rein-
wein H. Eröffnungsansprache, 64.
Kongreß der Deutschen Gesell-
schaft für Innere Medizin 1959. In:
Lasch HG, Schlegel B, Hg. Hundert
Jahre Deutsche Gesellschaft für
Innere Medizin, Die Kongress-Er-
öffnungsreden der Vorsitzenden
1882–1982. München 1982; 697.
6
Verhandlungsband (Verh Ges
Verd Stoffwechselkr, XI. Tagung in
Wien 1932. Leipzig 1933; 15−22),
der in der Bibliothek der DGVS-Ge-
schäftsstelle entdeckt wurde und
der die originalen handschriftlich
eingetragenen Streichungen im
Mitgliederverzeichnis enthält.
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