100 Jahre DGVS - page 38

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sehr viel geringer als früher.«
7
Die ausgeschlossenen als »nicht-arisch« klassifi-
zierten Ärzte wurden von Hegler mit keinem Wort erwähnt. Im Vergleich zum
Jahr 1932 verlor die Gesellschaft bis 1938 nahezu 50 Prozent ihrer Mitglieder.
8
Während der Vorstandssitzung 1934 wurde die Frage nach der Auflösung der GVS
und ein Anschluss an die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin erörtert. Man
entschied sich für den Erhalt der eigenständigen Gesellschaft für Verdauungs-
und Stoffwechselkrankheiten.
9
Hegler verkündete, dass es besser sei, »Bestimmungen über die Tätigkeit
wissenschaftlicher Gesellschaften seitens der Regierung« abzuwarten und selbst
»keinerlei bindende Entschlüsse zu fassen«
10
. Er beauftragte den bisherigen Ge-
neralsekretär Reinhard von den Velden mit der Wahrnehmung der Interessen der
Gesellschaft. Der zurückgetretene Schatzmeister Ferdinand Blumenthal übergab
das Vermögen der Gesellschaft an von den Velden »zu treuen Händen«, der aus-
drücklich die Arbeit Blumenthals würdigte.
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Während der 14. Tagung 1938 äußerte der Vorsitzende Erich Grafe in seiner
Eröffnungsansprache: »Ehe wir uns nun dem Gegenstand unserer heutigen Ver-
handlung zuwenden, wollen wir des Mannes gedenken, der gerade in diesen Ta-
gen eine neue ungeheure Tat für unser Volk ohne Krieg vollbringt und der auch
unserer Arbeit neue Ziele wies und gleichzeitig die Möglichkeit schuf, ihnen nach-
zustreben. Unser Führer und Reichskanzler Adolf Hitler Sieg Heil!«
12
Grafe spielte
mit der »ungeheuren Tat für unser Volk ohne Krieg« zweifellos auf das »Münchner
Abkommen« an, das sechs Tage später unterzeichnet wurde. Umdie Sudetenkrise
zu lösen, gaben die Regierungen Frankreichs, Italiens und Großbritanniens Hitler,
was er forderte – den freien Einmarsch in diemehrheitlich von Sudetendeutschen
bewohnten Teile der Tschechoslowakischen Republik.
Das offene Bekenntnis zu Hitler und seiner Außenpolitik der aggressiven
Provokation darf zwar einerseits nicht zu hoch bewertet werden – solche Formeln
finden sich in beinahe allen halb-offiziellen oder offiziellen Reden praktisch aller
damals bereits vollständig »gleichgeschalteten« Organisationen. Es zeigt aber an-
dererseits den erfolgreichen Vollzug der »Gleichschaltung« und der Einführung
des Führerprinzips.
In diesem Sinne wurde zeitgleich der Name der Gesellschaft geändert. Beim
Kongress 1938 in Stuttgart (abgehalten gemeinsam mit der Deutschen Pathologi-
schen Gesellschaft) wurde zunächst noch von der »Gesellschaft für Verdauungs-
7
Verh Ges Verd Stoffwechselkr,
XII. Tagung in Wiesbaden (12.
bis 14. April 1934), Leipzig 1934,
Eröffnungsansprache II; 9.
8
Vgl. Mitgliederlisten. In: Verh
Ges Verd Stoffwechselkr, XI.
Tagung in Wien 1932. Leipzig
1933; 15–22 und XIV. Tagung
in Stuttgart 1938, Leipzig 1939;
XII–XVI.
9
Verh Ges Verd Stoffwechselkr,
XII. Tagung in Wiesbaden, Ordent-
liche Mitgliederversammlung; 11.
10
Ebd.
11
Ebd.
12
Verh Ges Verd Stoffwechselkr,
XIV. Tagung in Stuttgart (22. bis
24. September 1938), Leipzig
1939, Eröffnungsansprache I; 4.
13
Verh Ges Verd Stoffwechselkr
zum Teil gemeinsam mit der Deut-
schen Pathologischen Gesellschaft,
XIV. Tagung in Stuttgart (22. bis
24. September 1938). Leipzig
1939: Im Titel des Verhandlungs-
bandes fehlt der Zusatz »Deut-
sche«, im Inhaltsverzeichnis (Seite
V) wird er genannt.
14
Verhandlungen in Deutsche
Zeitschrift f Verdauungs- und
Stoffwechselkr, Sonderband: Ver-
handlungen der Deutschen Gesell-
schaft für Verdauungs- und Stoff-
wechselkrankheiten, XV. Tagung in
Bad Kissingen (28.–30. Septem-
ber 1950). Leipzig 1952.
◀ Mit dem Gesetz zur Wiederher-
stellung des Berufsbeamtentums
vom 7. April 1933 änderte sich das
Leben an den damals 23 deutschen
Universitäten entscheidend. Jüdi-
sche Mitarbeiter wurden entlas-
sen, für die »arischen« Dozenten
bedeuteten die freien Stellen neue
Aufstiegschancen. Vor allem jün-
gere Hochschullehrer traten in die
Partei ein, manche aus Karriere-
gründen, andere aus ideologischer
Motivation. An einzelnen Univer-
sitäten waren schon im Sommer
1933 rund ein Viertel der Dozenten
der NSDAP beigetreten.
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