100 Jahre DGVS - page 39

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Kapitel 3
und Stoffwechselkrankheiten« gesprochen. Parallel taucht in einem Dokument
auch eine neue Bezeichnung auf: »Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und
Stoffwechselkrankheiten«.
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Ein Jahr nach dieser Tagung, am 1. September 1939, überfiel das Deutsche
Reich die Polnische Republik – der ZweiteWeltkrieg begann.Während des Krieges
und in der Nachkriegszeit sollten keine Tagungen mehr stattfinden. Erst im
September 1950 kamen die Gastroenterologen erstmals nach dem Zweiten Welt-
krieg zur 15. Tagung unter dem Vorsitz von Hans Heinrich Berg in Bad Kissingen
zusammen.
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Jüdische Gastroenterologen als Opfer des NS-Regimes
Der Zeitabschnitt 1933 bis 1945 weist zahlreiche unterschiedliche Teilaspekte auf,
die im Folgenden beleuchtet werden sollen. Sie zeigen Zustimmung und Ableh-
nung der Politik der Nationalsozialisten, Mitgliedschaften in der NSDAP und Par-
teiuntergruppierungen. Des Weiteren können Tätigkeiten als beratende Internis-
tenund Beteiligungen anMenschenversuchen inKonzentrationslagern aufgezeigt
werden. Zentrale Bedeutung für die Zeit zwischen 1933 und 1945 kommt dem
Schicksal der jüdischen Ärztinnen und Ärzte zu.
1933 lebten rund 570.000 Menschen, die nach den damals gängigen »rassi-
schen« Kriterien als Juden galten, im Deutschen Reich – weniger als ein Prozent
der Gesamtbevölkerung.
15
Etwa sechzehn Prozent aller in Deutschland tätigen
Mediziner waren Juden; zwei Drittel von ihnen waren niedergelassen.
16
In Berlin
war der Anteil der jüdischen Ärzteschaft mit fast 60 Prozent besonders hoch. Dort
waren unter den bisher 2.018 recherchierten jüdischen Kassenärzten 41 Fachärzte
für Magen- und Darmkrankheiten, deren Kurzbiografien dokumentiert sind.
17
Diesen jüdischen Magen- und Darmspezialisten in Berlin
wurde
– wie all
ihren jüdischen Kollegen – kurz nach der »Machtübergabe« an die Nationalsozia-
listen durch weitgehende Entrechtungsmaßnahmen die wirtschaftliche Grundla-
ge entzogen.
18
Dies war bedingt durch die neu gefasste »Verordnung über die Zu-
lassung zur Kassenpraxis«, in deren Folge die Mehrheit der jüdischen Kassenärzte
ihre Zulassung verlor,
19
womit ihnen einzig die Behandlung von Privatpatienten
geblieben war.
20
Eine Ausnahmeregelung galt zunächst noch für diejenigen, die
sich vor 1914 niedergelassen hatten oder als Frontsoldaten sowie in Seuchenlaza-
retten im Ersten Weltkrieg gedient hatten.
21
Diese Ausnahme beruhte jedoch
15
Gutmann I, Hg. Enzyklopädie
des Holocaust, Die Verfolgung
und Ermordung der europäischen
Juden, Band 1. Berlin 1993; 326,
330, 342. Strauß HA, Hg. Essay
on the history, persecution and
emigration on german jews. New
York 1987; 144, 151.
16
Kümmel WF. Die Ausschaltung.
In: Medizin im Dritten Reich. Ble-
ker J, Jachertz N, Hg. Köln 1989;
30–31.
17
Schwoch R, Hg. Berliner jüdi-
sche Kassenärzte und ihr Schick-
sal im Nationalsozialismus, Ein
Gedenkbuch. Berlin 2009.
18
Auch Klinikärzte waren betrof-
fen: Im April 1933 führte der
Erlass des »Gesetzes zur Wieder-
herstellung des Berufsbeamten-
tums« zur Entlassung aller Beam-
ten »nicht-arischer Abstammung«
aus dem öffentlichen Dienst. Siehe
»Gesetz zur Wiederherstellung
des Berufsbeamtentums« vom 7.
April 1933 (RGBl. I; 175–177). Vgl.
Walk J, Hg. Das Sonderrecht für
Juden im NS-Staat, Eine Samm-
lung gesetzlicher Maßnahmen
und Richtlinien, Inhalt und Bedeu-
tung. Zweite Aufl. Heidelberg
1996; I/46.
19
Rohrbach jM. Augenheilkunde
im Nationalsozialismus. Stuttgart
2007; 97.
20
Schwoch R. Approbationsent-
zug für jüdische Ärzte – »Bestal-
lung erloschen«. Deutsches Ärzte-
blatt 2008; 105 (39): 2043–2044.
21
RGBl. I, 1933; 222. Barkai A.
Die Heimat vertreibt ihre Kinder,
Die nationalsozialistische Verfol-
gungspolitik 1933 bis 1941. In:
Stiftung Jüdisches Museum Berlin
und Stiftung Haus der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland,
Hg. Heimat und Exil, Emigration
der deutschen Juden nach 1933.
Frankfurt/M 2006; 15.
▶ + ▶▶ Um die jüdischen Ärzte im
Reich zu diffamieren und ihrer Exis-
tenzgrundlage zu berauben, betrie-
ben die Nazis ab dem Frühjahr
1933 aggressiv Propaganda. Was
mit Boykotten und Feme-Schildern
begann, weitete sich schnell zu
Berufsverboten und dem Entzug
der Approbation aus.
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