100 Jahre DGVS - page 41

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Kapitel 3
nicht etwa auf Respekt vor Person und Leistung, sondern auf der Erwägung, dass
im Falle einer sofortigen Ausschaltung aller Ärzte, die als »nicht-arisch« angese-
hen wurden, die flächendeckende Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in
größeren Städten wie Berlin nicht hätte aufrechterhalten werden können. 1933
waren in Berlin von insgesamt etwa 3.600 Kassenärzten rund 2.000, also knapp
zwei Drittel, betroffen.
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Auch in den Universitätskliniken und großen Krankenhäusern erfolgte die
Entlassung jüdischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rasch und reibungslos.
Am 1. April 1933, dem Tag des Boykotts jüdischer Geschäfte sowie jüdischer Arzt-
und Rechtsanwaltspraxen, vollzog in der Charité Berlin der Ärztliche Leiter der II.
Medizinischen Universitätsklinik Gustav von Bergmann eine Verwaltungsanord-
nung: Die jüdischen Mitarbeiter mussten an diesemTag das Klinikgelände verlas-
sen.
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Bereits imMärz 1933 wurde innerhalb der Medizinischen Fakultät der Cha-
rité über die Kündigung der Ärztinnen und Ärzte jüdischer Herkunft diskutiert.
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Von Bergmann kam als damaligem Prodekan der Fakultät eine wichtige Rolle zu;
er galt als liberal und gegenüber den Nationalsozialisten als distanziert.
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Rudolf
Nissen, Oberarzt an der Chirurgischen Klinik der Charité und 1933 in die Emigra-
tion getrieben, kannte von Bergmann seit 1927 persönlich: Er benannte dessen
Begabungen und Verdienste für die klinische Medizin, er hielt ihn für geschickt in
der Hochschulpolitik, aber »er blieb auch stumm, als seine ›nichtarischen‹ Assis-
tenten die Klinik verlassen mussten«
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.
Durch die Nürnberger Rassegesetze vom September 1935 wurden Juden für
weitgehend »vogelfrei« erklärt. Die endgültige »Ausschaltung« erfolgte mit der
vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. Juli 1938. Diese setzte den
Schlusspunkt, indem die »Bestallungen (Approbationen) jüdischer Ärzte … am 30.
September 1938«
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für erloschen erklärt wurden. Dies bedeutete für die verbliebe-
nen 3.152 jüdischen Ärzte das endgültige Berufsverbot.
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Nur einer begrenzten
Zahl von ihnen war es gestattet, als »jüdische Krankenbehandler« ausschließlich
jüdische Patienten zu behandeln. Doch ihre Anzahl ging rapide zurück: Im Okto-
ber 1938 waren es noch etwa 700
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, und bis zum Ende des Jahres sank ihre Zahl
auf unter 300.
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Jedes Einzelschicksal der Vertriebenen war mit unermesslichem Leid und
Unrecht verbunden. Lebensgeschichten wurden zerstört, viele Menschen wurden
in das Ausland verdrängt, erlebten nicht selten eine Odyssee und waren gezwun-
gen, einen vollständigen Neuanfang zu suchen. Manche, wie Ismar Boas, sahen
keinen anderen Ausweg als den Freitod. Nicht wenige, denen die Emigration
nicht gelang oder sie für sich ablehnten, wurden, wie Hermann Strauß, deportiert
und sind in einem KZ umgekommen.
Von den 41 jüdischen Berliner Magen-Darm-Ärzten gelang 20 zwischen 1933
und 1939 die Emigration ins Ausland: Neun gingen in die USA, fünf nach Großbri-
tannien, jeweils eine Person nach Italien, Ecuador, Brasilien, Norwegen und
Schweden; zudem gibt es einen jüdischen Arzt, bei dem als Emigrationsziel »Aus-
land« vermerkt ist. Demgegenüber teilten acht Gastroenterologen den Schicksals-
weg von Millionen im Zweiten Weltkrieg ermordeter Juden: Sie wurden depor-
tiert, starben im KZ Theresienstadt oder wurden in einem Vernichtungslager im
Nissen (1896−1981) hoch ange-
sehener Chirurg und Oberarzt bei
F. Sauerbruch in Berlin, emigrierte
1933 in die Türkei, weil er wegen
seiner jüdischen Abstammung mit
seiner Entlassung rechnen musste.
Seit 1939 war er zunächst in Bos-
ton und danach in New York tätig.
Von 1952 bis 1967 leitete er die
Universitätsklinik für Chirurgie
in Basel.
27
»IV. VO zum Reichsbürgerge-
setz« vom 25. Juli 1938 (RGBl. I;
969f.). In: Walk J, Hg. Das Son-
derrecht; II/510.
28
Benz W. Der Holocaust.
Sechste Aufl. München 2005; 34.
29
Hahn J, Schwoch R. Anpassung
und Ausschaltung. Berlin 2009; 12.
30
Schwoch R. Approbationsent-
zug für jüdische Ärzte; 2044. Man
geht von einer Anzahl von 285
verbliebenen »Krankenbehand-
ler« aus.
1...,31,32,33,34,35,36,37,38,39,40 42,43,44,45,46,47,48,49,50,51,...180
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