100 Jahre DGVS - page 42

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Osten ermordet. Weitere vier zerbrachen an dem nationalsozialistischen Terror
und begingen zwischen 1937 und 1943 Selbstmord. Ferner sind vier jüdische Ma-
gen-Darm-Spezialisten in den Akten als »verstorben« vermerkt, das Schicksal der
übrigen Mediziner ist nicht sicher dokumentiert.
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Neben den individuellen Schicksalen steht der Verlust von Wissenschaft-
lern undÄrzten, die für Innovation und Fortschritt standen. Die Brüche in der For-
schungskontinuität und deren Folgen sind für das Fachgebiet der Gastroenterolo-
gie bisher nur selten thematisiert und kaum systematisch untersucht worden.
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Opferbiografien
Die Gesamtzahl der aus Deutschland vertriebenen und deportierten jüdischen
Gastroenterologen seit April 1933 ist bisher nicht bekannt. Stellvertretend sollen
hier die Schicksale einzelner bekannter, aber auchunbekannterMagen-Darm-Ärz-
te jüdischer Herkunft aufgezeigt und an die Persönlichkeiten erinnert werden.
Der Ordinarius für Innere Medizin der Universität Freiburg und bekannte
Stoffwechselforscher
Siegfried Thannhauser (1885 – 1962)
musste 1935 Deutschland
verlassen. Er emigrierte in die USA, wurde durch die Rockefeller Foundation un-
terstützt und arbeitete später amNew England Medical Center der Tufts Universi-
ty in Boston. Er ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Nach ihm be-
nannt ist die Thannhauser-Medaille, die die DGVS seit 1969 für herausragende
Leistungen gastroenterologischer und hepatologischer Forschung verleiht. Zu-
dem stiftet die Falk Foundation e.V. seit 1973 den Thannhauser-Preis für wegwei-
sende Arbeiten auf dem Gebiet der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.
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Julius Strasburger (1871 – 1934)
, Ärztlicher Leiter der Medizinischen Poliklinik
und des Instituts für Physikalische Therapie der Universität Frankfurt/M, Mither-
ausgeber des
Archivs für Verdauungskrankheiten
, der gemeinsam mit Adolf
Schmidt über Dickdarmerkrankungen geforscht hatte, musste nach einer Denun-
ziation und wegen eines jüdischen Großelternteils 1934 die Klinik verlassen.
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Viktor van der Reis (1889– 1957)
war an der Greifswalder Universität 1922 ha-
bilitiert worden. Seine 1925 erschienene Monografie
Die Darmbakterien des Er-
wachsenen und ihre klinische Bedeutung
war bahnbrechend und gilt heute als
Grundlage der modernen Mikrobiomforschung. Van der Reis hatte 1927 gemein-
sam mit dem Optiker Bernhard Schmidt ein biegsames Gastroskop entwickelt.
Zudem erfand er mit der Darmpatrone eine Methode zur gezielten mikrobiologi-
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Schwoch R, Hg. Berliner jüdi-
sche Kassenärzte.
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Cappell MS. The effect of
nazism on medical progress in
gastroenterology, The inefficiency
of evil. Dig Dis Sci 2006; 51:
1137–1158.
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Zöllner N, Hofmann AF. Sieg-
fried Thannhauser (1885–1962),
Ein Leben als Arzt und Forscher in
bewegter Zeit. Freiburg 2001.
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Möbus-Weigt G. Der Frank-
furter Internist und physikali-
sche Therapeut Julius Strasburger
(1871–1934 ) [Dissertation].
Frankfurt/M 1996; 72–80. Vgl.
Heupke W. Julius Strasburger zum
Gedächtnis. Arch f Verdauungskr
1934; 56: 352−354.
◀ Der Stürmer war eine der
bekanntesten Wochenzeitschrif-
ten im »Dritten Reich«. 1923 von
Julius Streicher gegründet, hetzte
das Blatt mit drastischen Titeln
und Abbildungen gegen Juden
und befeuerte mit brutalen Kari-
katuren den Antisemitismus in der
Bevölkerung. Der Stürmer – der
nie offizielles NS-Organ war –
bekämpfte nach eigener Aussage
die »jüdisch-bolschewistische Welt-
verschwörung.« Julius Streicher
wurde nach Ende des Zweiten
Weltkrieges bei den Nürnberger
Prozessen zum Tode verurteilt.
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