100 Jahre DGVS - page 43

41
Kapitel 3
schen Untersuchung des Dünndarms. Seit 1928 leitete er die Medizinische Klinik
des Städtischen Krankenhauses in Danzig. 1939 wurde er unmittelbar nach der
Besetzung der Stadt durch die Wehrmacht verhaftet und konnte, nach erfolgrei-
cher Flucht auf dem Transport ins Konzentrationslager Stutthof, mit Hilfe von
Freunden über Italien nach Brasilien ausreisen. Seit 1943 Direktor des Institut Pin-
heiros in São Paulo zog er es nach dem Krieg vor, nicht nach Deutschland zurück-
zukehren.
35
Alfred Frank (1882 – 1943)
, Internist und Facharzt für Magen- und Darmkrank-
heiten und ab 1939 als »Krankenbehandler« tätig, wurde am 12. März 1943 mit
dem 36. Transport in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.
36
Ebenso der aus Breslau stammende
Max Schreuer (1874– 1943)
, der ab 1941 in
seiner Profession bleibend als »Krankenbehandler« für Magen- und Darmkrank-
heiten in Berlin jüdische Patienten behandelte. Auch er fiel demRassenwahn zum
Opfer und wurde am 3. Oktober 1942 mit dem dritten großen Alterstransport in
das KZ Theresienstadt deportiert, wo er acht Monate später umkam.
37
Hans Ury (1873 – 1937)
, ein bekannter Berliner Gastroenterologe, Mitglied der
Gesellschaft sowie Schüler und enger Mitarbeiter von Ismar Boas, teilte das
Schicksal seines Lehrers. Der niedergelassene Facharzt für Magen- und Darm-
krankheiten und Röntgenarzt beging 1937 Selbstmord.
Ismar Isidor Boas (1858– 1938)
, der Gründer der DGVS und langjährige Schrift-
leiter des
Archivs
, nahm sich inWien das Leben.
Rudolf Ehrmann (1879– 1963)
, Ärztlicher Direktor von 1917 bis 1933 in der Ab-
teilung für Innere Medizin I im Städtischen Krankenhaus Neukölln, gelang es
noch im Kriegsjahr 1939 über Großbritannien in die USA zu emigrieren. Dort ge-
hörte er zu den gefragtestenÄrzten und war u. a. Hausarzt vonAlbert Einstein und
Fritz Kreisler.
38
Einen besonderen Schicksalsweg ging
Felix Meyer (1876– 1955)
. Er hatte in
Würzburg studiert und war seit 1919 als Internist und Facharzt für Magen- und
Darmkrankheiten tätig. Von 1939 bis 1943 wirkte er als »Krankenbehandler« auf
dem Gebiet der Inneren Medizin. Doch auch ihn ereilte das Schicksal von so vie-
len – er wurde am 15. Oktober 1943 mit dem 97. Alterstransport in das KZ Theresi-
enstadt deportiert. Diese unvorstellbare Zeit überlebte er jedoch und kehrte 1945
nach Berlin zurück, wo er bereits im selben Jahr wieder als Internist und Facharzt
für Magen- und Darmkrankheiten praktizierte.
39
35
van der Reis V. Demonstration
des optischen Prinzips eines bieg-
samen Gastroskopes. Medizini-
scher Verein Greifswald, 14. Jan.
1927. Med. Klinik 1927; 23: 534.
van der Reis V. Die Darmbakte-
rien und ihre klinische Bedeutung.
Ergeb Inn Med Kinderheilkd 1925;
27: 77−168. Vgl. Ewert G, Ewert
R. Emigranten der Medizinischen
Universitätsklinik Greifswald in
der Zeit des Nationalsozialismus,
Viktor van der Reis, Alfred Lub-
lin, Heinrich Lauber. Berlin 2011;
13−40.
36
Schwoch R, Hg. Berliner jüdi-
sche Kassenärzte und ihr Schicksal
im Nationalsozialismus; 237.
37
Ebd.; 824.
38
Ebd.; 198.
38
Auswertung der Ergebnisse aus
Schwoch R, Hg. Berliner jüdische
Kassenärzte und ihr Schicksal im
Nationalsozialismus.
▶ Einer von zahlreichen deutschen
Medizinern, die Opfer des NS-Regi-
mes wurden, war Siegfried Thann-
hauser. Bis 1933 war er einer der
führenden Stoffwechselforscher im
Deutschen Reich, dann wurde er
degradiert. Thannhauser konnte
1935 in die USA emigrieren, wo er
in Boston weiter forschte.
▶▶ Viktor van der Reis war Gast-
roenterologe in der Freien Stadt
Danzig. Als Danzig 1939 an das
Deutsche Reich angeschlossen
wurde, wurde van der Reis ver-
haftet. Auf dem Transport ins KZ
Stutthof konnte er fliehen und
erreichte schließlich Brasilien. 1943
wurde er Direktor des Institut Pin-
heiros in S
ã
o Paulo. Im Bild: van
der Reis in Brasilien (links).
1...,33,34,35,36,37,38,39,40,41,42 44,45,46,47,48,49,50,51,52,53,...180
Powered by FlippingBook