100 Jahre DGVS - page 44

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Hermann Strauß (1868– 1944)
stammte aus Heilbronn und hatte eine hochka-
rätige Ausbildung bei Ewald im Augustahospital in Berlin, bei Riegel in Gießen
und seit 1895 bei Hermann Senator in der III. Medizinischen Klinik der Charité
absolviert.
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Er gehörte um 1900 in der Charité Berlin zur Gruppe sehr engagierter
jüdischer Ärzte, die eine Fülle originärer Beiträge zur Fortentwicklung der Medizin
lieferten. Strauß befasste sich zunächst mit Funktionsuntersuchungen der Niere.
Die Strauß-Kanüle wurde von ihm entwickelt, womit er die Voraussetzungen für
eine unkomplizierte Blutentnahme, für Blutanalysen in großem Umfang und für
die Infusionstherapie schuf.
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Strauß gilt als Erstbeschreiber der kochsalzarmen
Diät. 1897 wurde er mit seinen Arbeiten zur funktionellen Diagnostik der Mage-
nerkrankungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin habilitiert und 1902
zum a.o. Professor ernannt. Seit 1900 widmete er sich vornehmlich den Ma-
gen-Darm-Krankheiten, stellte die Laevuloseprobe zur Leberfunktionsuntersu-
chung vor und konstruierte das Straußsche Procto-Sigmoidoskop.
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1910 erschien
seinWerk
Die Procto-Sigmoskopie
und 1922
Erkrankungen des Rectumund Sigmoide-
um
. Fragen der Diätetik interessierten ihn ebenso wie die Fortschritte in der Dia-
betestherapie; er gehörte zu den ersten deutschen Ärzten, die Anfang der 1920er
Jahre Insulin anwandten. Strauß war seit 1910 Mitherausgeber des
Archivs
und
veröffentlichte zudem selbst in der Nachfolge von Albert Albu die
Sammlung
zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Verdauungs- und Stoffwechselkrank-
heiten
. Publizistisch hochaktiv verfasste er 26 Monografien und viele wissen-
schaftliche Fachbeiträge. Eine breite Au�lärung war ihm ein wichtiges Anliegen,
so dass er eine Reihe allgemeinverständlicher Schriften verfasste.
Hermann Strauß übernahm 1910 die Stelle des Leitenden Arztes der Abtei-
lung Innere Medizin am Jüdischen Krankenhaus Berlin und war an den Planun-
gen eines Neubaus entscheidend beteiligt, der 1914 bezogen wurde. Dieser verfüg-
te über eine modern eingerichtete Abteilung, in der Strauß bis 1942 unter
zunehmend schwierigen Bedingungen tätig war. Eine Emigration lehnte er ab.
Hermann und Elsa Strauß wurden am 31. Juli 1942 in das KZTheresienstadt depor-
tiert. DemÄltestenrat des KZ angehörend, half er dort medizinisch, soweit es ihm
möglich war. Am 17. Oktober 1944 starb er im KZ Theresienstadt an den Folgen ei-
nes Herzinfarktes. Seine Ehefrau überlebte, starb aber im Juni 1945 an den Folgen
der Haft.
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Jenss H. Hermann Strauß,
Internist und Wissenschaftler
in der Charité und im Jüdischen
Krankenhaus Berlin, Mit einem
Beitrag über Elsa Strauß. (Jüdische
Miniaturen Band 95.) Berlin 2010.
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Cameron jS. One man and his
needle – Hermann Strauss. Semi-
nars in Dialysis 2006; 19: 559−561.
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Stelzner FH. Strauß’ Beitrag zur
Entwicklung des Rekto-Sigmoi-
doskops. Med Welt 1963; N.F. 13:
286–294.
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Sachse C, Walker M. Naturwis-
senschaften, Krieg und Systemver-
brechen, Die Kaiser-Wilhelm-Ge-
sellschaft im internationalen
Vergleich 1933–1945. In: Grüttner
M, Hachtmann R, Jarausch KH,
John J, Middell M, Hg. Gebro-
chene Wissenschaftskulturen,
Universität und Politik im 20. Jahr-
hundert. Göttingen 2010; 178.
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Ebd.; 180.
◀ Hermann Strauß Ende der
1920er Jahre. Gewählt als desig-
nierter Vorsitzender der 12. Tagung
in Berlin musste er 1933 sein Amt
vorzeitig niederlegen.
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