100 Jahre DGVS - page 45

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Kapitel 3
Anpassung – Verstrickung – Grenzüberschreitungen
Neben den Gastroenterologen, die Opfer des NS-Regimes wurden, gab es zahlrei-
che, die eng mit dem Staat zusammenarbeiteten. Ihr Handeln war geprägt von
Anpassung und zumTeil von direkter Verstrickung. Diese Problematik ist abgese-
hen von den individuellen Haltungen im Kontext der Wechselwirkungen zwi-
schen Wissenschaft und Politik zu betrachten; »die Politik stellt Finanzen und
Infrastruktur bereit; dieWissenschaft liefert Expertise in vielfältigster Form: Gut-
achten, Beratung, Fachpersonal für beliebige politische Problemlagen bzw. neue
oder verbesserte Technologien«.
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Im NS-Staat wurden durch die Ideologie von
Volk und Rasse die ethisch-moralischen Grenzen verschoben und Kontrollme-
chanismen außer Kraft gesetzt. In diesem Umfeld, zumal während des Krieges,
war es Wissenschaftlern und Ärzten vorstellbar, »alle gegebenen Möglichkeiten,
die in der Logik ihrer wissenschaftlichen Denkbewegungen und Suchstrategien
sinnvoll erschienen, auch tatsächlich auszuprobieren«
44
.
Mit Beginn des ZweitenWeltkrieges übernahmen die führenden Internisten
neben ihrer Hochschul- und Klinikarbeit die Funktion der sogenannten Beraten-
den Ärzte der verschiedenen Wehrkreiskommandos. Hans Wilhelm Bansi, Hans
Heinrich Berg, Hans Eppinger, Erich Grafe, Ferdinand Hoff, Gerhardt Katsch,
Heinz Kalk, Helmuth Reinwein, Richard Siebeck und Franz Volhard gehörten zum
Kreis der Beratenden Internisten.
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Ihre Berichte und Erfahrungen mit den er-
krankten Soldaten und der jeweiligen Behandlung wurden von der Heeressani-
tätsinspektion gesammelt und analysiert.
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So hat sich Gerhardt Katsch in dieser
Funktion zur Verwendung Magenkranker und zu ihrer Unterbringung in Lazaret-
ten geäußert und auf das Problem der Hypochonder hingewiesen.
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Kurt Gutzeit,
neben seiner Tätigkeit als Leiter der Medizinischen Klinik der Universität Breslau
Beratender Internist beim Heeressanitätsinspekteur in Berlin, betrachtete den
»Krieg mit seinem charakteristischen Massenanfall gleicher Erkrankungen« als
»nie wiederkehrende Gelegenheit«
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, Erfahrungen durch eine »vergleichende
Therapie« zu gewinnen. Die Beratenden Ärzte partizipierten – zumindest teilwei-
se – bis 1944 an jenen Fachtagungen derWehrmachtsärzte, bei denen über Ergeb-
nisse der »Kriegsforschung« einschließlich der Menschenversuche berichtet wur-
de.
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So haben Katsch und Kalk an der 4. Arbeitstagung Ost der Beratenden Ärzte
im Mai 1944 teilgenommen, bei der über die Sulfonamidversuche an KZ-Insassen
berichtet wurde.
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Die Funktion des »Beratenden« wurde von den einzelnen In-
ternisten unterschiedlich ausgeführt. Katsch – militärisch ausgerichtet – führte
regelmäßige Lazarettbesuche durch und gab straffe Anweisungen, er wünschte
sich zudem ein »sinnvolles Kommando«.
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Berg beschränkte sich auf eine konsi-
liarische Tätigkeit, wofür er von Gutzeit kritisiert und ermahnt wurde.
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Drei exemplarische »Forschungsprojekte«, bei denen die beteiligten Medi-
ziner ethische Grundsätze weitgehend ignoriert haben, sollen im Folgenden skiz-
ziert werden.
Hepatitis epidemica – Virusforschung und Menschenversuche
In einer Fußnote in
Medizin ohne Menschlichkeit
haben Alexander Mitscherlich
und FredMielke auf dieArbeit von Hans Voegt
Zur Ätiologie der Hepatitis epidemica
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Kupplich Y. Funktion und Leis-
tungen der Beratenden Internisten
im Heeressanitätsdienst der deut-
schen Wehrmacht 1939–1945
[Dissertation]. Leipzig 1996. Vgl.
auch BArch-RH 12–23, 221, 947.
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Neumann A. »Arzttum ist
immer Kämpfertum«, Die Heeres-
sanitätsinspektion und das Amt
»Chef des Wehrmachtssanitäts-
wesens« im Zweiten Weltkrieg
(1939–1945). Düsseldorf 2005;
105.
47
Ebd.; 199−200. Vgl. BArch-MA,
RH 12−23, 247: G. Katsch: »Wenn
irgendmöglich, sollten Ulcusku-
ren in Feld- und Kriegslazaretten
durchgeführt werden, wo etwas
Frontgeist herrscht und die Rück-
kehr zur alten Truppe, zu alten
Kameraden in Aussicht steht.«
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Gutzeit K. Aussichten und
Durchführung der vergleichen-
den Therapie und Prophylaxe im
Kriege. Der Deutsche Militärarzt
1941; 6: 14−19. Vgl. BArch-MA
12−23, 286, 1214.
49
BArch-MA RH 12–23/247:
Teilnehmer der 3. Arbeitstagung
Ost der Beratenden Internisten,
24.–26.5.1943; Berg bedankt sich
ausdrücklich für die Einladung:
»Mit grosser Freude werde ich
kommen. U.a. interessiert mich
natürlich auch das Thema der
Einsatzmöglichkeit Ulcuskran-
ker«. Brief H.H. Berg an StA Dr.
Fähndrich, Dienststelle Beratender
Internist der Heeressanitätsinspek-
tion, vom 11. Mai 1943. Ebd.
50
BArch-MA RH 12–23/2076.
51
BARch-MA, RH 12–23/256;
Katsch an Gutzeit, 26.3.1940.
Vgl. die Berichte von G. Katsch
als Beratender Internist, RH
12–23, 70.
52
BArch-MA, RH 12–23/256; Gut-
zeit an Berg, 4.4.1940.
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Mitscherlich A, Mielke F, Hg.
Medizin ohne Menschlichkeit.
Dokumente des Nürnberger Ärz-
teprozesses. Frankfurt/M 1960;
286.
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Leyendecker B. Die Wirkung
einer Fußnote aus Mitscherlichs
und Mielkes Dokumentation über
den Nürnberger Ärzteprozess,
Hans Voegt im Netzwerk der
Hepatitisforscher vor und nach
1945. In: Oehler-Klein S, Roelcke
V, Hg. Vergangenheitspolitik in
der universitären Medizin nach
1945; 65–96. Vgl. Leyendecker
B, Klapp BF. Deutsche Hepatitis-
forschung im Zweiten Weltkrieg;
261−293.
1...,35,36,37,38,39,40,41,42,43,44 46,47,48,49,50,51,52,53,54,55,...180
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