100 Jahre DGVS - page 46

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von 1942 hingewiesen: »Der Beitrag stellt im übrigen ein sehr deutliches Beispiel
für die Taktik der Verschleierung dar, ob es sich um freiwillige oder unfreiwillige
Versuche handelt. Nachdem bei einer ersten Versuchsreihe ausdrücklich die frei-
willige Teilnahme betont wird, findet sie bei einer zweiten mit sechs Personen
keine Erwähnung.«
53
Voegt war Assistenzarzt bei Kurt Gutzeit in der Medizini-
schen Universitätsklinik in Breslau und war von diesem zur Klärung der Genese
der epidemischen Hepatitis angeregt worden. Zum damaligen Zeitpunkt wurde
zwar bereits deren Virusursache diskutiert, diese war aber noch nicht bewiesen.
Brigitte Leyendecker hat seit den 1980er Jahren die Umstände der Hepatits A-For-
schung zwischen 1941 und 1945 erforscht und damit erstmals umfangreich be-
kannt gemacht.
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Bei seinen Versuchen hatte Voegt, neben sich selbst und drei
freiwilligen Studenten, sechs Patientinnen und Patientenmit infiziertemMaterial
von Hepatitis epidemica-Kranken peroral, subkutan und intramuskulär expo-
niert.
55
Wie die zweite Versuchsgruppe der Patienten rekrutiert wurde und ob die
Betroffenen ihre Zustimmung zu demVersuch erteilt hatten oder überhaupt ertei-
len konnten, bleibt in dem Beitrag Voegts verborgen. Leyendecker hat anhand
von Briefen, die Gutzeit im Oktober 1941 erhalten hat, dokumentiert, dass es sich
bei den Versuchspersonen um psychiatrische Patienten aus der Breslauer Ner-
venklinik handelte.
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Versuche an Menschen waren keine Erfindung der Nationalsozialisten. In
der Zeit der Weimarer Republik wurden sie heftig diskutiert. Eine Richtlinie des
Reichsinnenministeriums vom Februar 1931 hatte für Humanexperimente die in-
formierte Zustimmung der Patienten oder ihrer gesetzlichen Vertreter explizit zur
Bedingung gemacht.
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Während des ZweitenWeltkrieges wurden diese Regeln so
nicht mehr angewandt, denn Hepatitis epidemica galt als kriegswichtig und es
bestand an der Forschung zu dieser Krankheit ein besonderes Interesse. Gutzeit,
Voegt und Arnold Dohmen, der aus der Medizinischen Klinik Hamburg-Eppen-
dorf kam und an die Militärärztliche Akademie Berlin kommandiert war, verfolg-
ten ihre Hepatitis-Experimente 1943 mit Zustimmung der SS-Führung weiter und
führten 1944 Infektionsversuche an elf jüdischen Kindern und Jugendlichen im
Alter von 8 bis 16 Jahren durch. Die Kinder waren zuvor von Arnold Dohmen im
KZ Auschwitz selektiert und in das KZ Sachsenhausen gebracht worden
58
; sie
wurden peroral und intramuskulär mit Hepatitis-infiziertem Material exponiert,
zudem wurde bei einem der Kinder eine Leberpunktion (zur damaligen Zeit bei
der üblichen Verwendung der Iversen-Roholm-Nadel nicht risikolos) vorgenom-
men.
59
Glücklicherweise wurden alle elf Jugendlichen 1945 aus dem KZ Sachsen-
hausen befreit.
1981 –36 Jahre nach Kriegsende – erwähnte Friedrich Deinhardt anlässlich
eines Symposiums die ausschließliche Freiwilligkeit bei den ersten Voegtschen
Hepatitis-Versuchen in Breslau.
60
Die heute bekannten Fakten zu den Experimen-
ten durch die Gruppe um Gutzeit zeigt die Dimension der Grenzüberschreitungen
an jenen Menschen, die Deinhardt in seinem Vortrag gerade als grundsätzlich
»niemals echt freiwillige«
61
Versuchspersonen bezeichnete: psychiatrische Pati-
enten, Gefangene und Kinder. Die Max-Planck-Gesellschaft bekannte sich 2001 in
Anwesenheit von Saul Oren-Hornfeld, der 1943/44 zu den Hepatitis epidemi-
55
Voegt H. Zur Aetiologie der
Hepatitis epidemica. Münch med
Wschr 1942; 89 (4): 76−79.
56
Leyendecker B. Hepatitis-Hu-
manexperimente im Zweiten
Weltkrieg. Zeitschrift für die
gesamte Hygiene und ihre Grenz-
gebiete 1989; 35: 756−760, hier
757, 759. Die erklärenden Briefe
an Gutzeit finden sich in den
Akten der Heeressanitätsinspek-
tion (»Ikterusforschung«) im Bun-
desarchiv-Militärarchiv Freiburg:
RH 12–23/386: Brief Dr. Voegt
und Dr. Kuhlmann, Medizinische
Klinik Breslau an Gutzeit vom 11.
bzw. 14. Oktober 1941.
57
»Richtlinien für neuartige
Heilbehandlung und Vornahme
wissenschaftlicher Versuche am
Menschen vom 28.2.1931«.
Reichsgesundheitsblatt 1931;
6: 174. Vgl. Steinmann R. Die
Debatte über Medizinische Ver-
suche am Menschen in der Wei-
marer Zeit [Dissertation]. Tübin-
gen 1975.
58
Ebd.; 758.
59
Leyendecker B, Klapp BF.
Deutsche Hepatitisforschung im
Zweiten Weltkrieg. In: Wert des
Menschen; 274−260. Vgl. Ley A,
Morsch G. Medizin und Verbre-
chen. Das Krankenrevier des KZ
Sachsenhausen 1936–1945. Berlin
2007; 338−361.
60
Deinhardt F. Experiment am
Menschen – Ein Beispiel an der
Virushepatitis-Forschung. In: Mar-
tini GA, Deinhardt F, Hg. Medizin
und Gesellschaft, Ethische Verant-
wortung und Ärztliches Handeln.
Stuttgart, Frankfurt/M 1982;
134−135.
61
Ebd.
62
Sachse C, Hg. Die Verbindung
nach Auschwitz, Biowissenschaf-
ten und Menschenversuche an
Kaiser-Wilhelm-Instituten, Doku-
mentation eines Symposiums,
Band 6 der Geschichte der Kai-
ser-Wilhelm-Gesellschaft im Nati-
onalsozialismus. Göttingen 2003;
7. Oren-Hornfeld S. Die 11 von
Sachsenhausen. In: Ebd.; 94–100.
Oren-Hornfeld S. Wie brennend
Feuer, Ein Opfer medizinischer
Experimente im Konzentrations-
lager Sachsenhausen erzählt. Ber-
lin 2005.
63
Neumann A. »Arzttum ist
immer Kämpfertum«; 266. Siehe
BArch-MA RH 12–23/1837 und
1649.
64
Neumann A. »Arzttum ist
immer Kämpfertum«; 267.
1...,36,37,38,39,40,41,42,43,44,45 47,48,49,50,51,52,53,54,55,56,...180
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