100 Jahre DGVS - page 49

47
Kapitel 3
ca-Versuchen gezwungen wurde, zur Verantwortung für die Verbrechen, die wäh-
rend des »Dritten Reiches« von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an
Menschen verübt wurden.
62
Ernährungsforschung und Hungerversuche
im ZweitenWeltkrieg
Während des Krieges sollte die Truppenverpflegung gemäß wissenschaftlicher
Erkenntnisse zur »optimalen« Ernährung gestaltet werden; mit dieser Zielset-
zung war eine Arbeitsgemeinschaft »Ernährung der Wehrmacht« gegründet wor-
den, um unter anderem Forschungsarbeiten zur Leistungssteigerung durch
zweckmäßige Ernährung durchzuführen.
63
In diesem Kontext wurden auch Un-
tersuchungen zu Mangelerscheinungen bei unzureichender oder fehlender Nah-
rung interessant.
64
Alexander Neumann hat dokumentiert, dass Ernährungs-
versuche mit Kriegsgefangenen, Untersuchungen zum Hungerödem und zur
Wirkung verschiedener Eiweißzubereitungen zu jener Zeit »keine Seltenheit«
65
waren. Nach seinen Angaben hat sich 1942 auch Gerhardt Katsch an solchen Un-
tersuchungen beteiligt.
66
Während des Krieges erforschte Heinrich Berning, Mitarbeiter bei Hans
Heinrich Berg in der I. Medizinischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, an
Lazarettkranken in Hamburg die Ödemkrankheit und deren Folgen.
67
Durch spä-
tere, eingehende Analysen der Berningschen Arbeiten wurde deutlich, dass Ber-
ning ein Forschungsprojekt im Auftrag der Wehrmacht durchführte und dass er
seine Erkenntnisse 1941/42 an 56 sowjetischen Kriegsgefangenen durch gezielte
Hungerversuche gewann, von denen zwölf während des Beobachtungszeitrau-
mes starben.
68
Zur damaligen Zeit war bereits bekannt, dass der Ödemkrankheit
mit einer hochwertigen Eiweißzufuhr zu begegnen war; dennoch hat Berning die
Nahrungszufuhr, zumindest teilweise, mehr an Forschungszwecken als an thera-
peutischen Notwendigkeiten ausgerichtet und die unterernährten Kriegsge-
fangenen umfangreich mittels Kolonkontrasteinlauf, Sternalpunktionen und
Belastungstests untersucht.
69
Er selbst hat 1942 die günstige Prognose der Ödem-
krankheit bei frühzeitiger Erkennung und Behandlung beschrieben.
70
Gemeinsam
verfassten Berg und Berning den Beitrag
Qualitative und quantitative Ernährungs-
schädigungen
in dem vom Heeressanitätsinspekteur 1944 herausgegebenen Buch
InnereWehrmedizin
. Nach den zur Verfügung stehenden Quellen ist davon auszu-
gehen, dass Berg über die Umstände der Experimente Bernings vollständig infor-
miert war.
71
Meerwasserversuche und Hans Eppinger
Hans Eppinger war in den 1930er Jahren der führende Hepatologe und publizierte
1937 das damalige Standardwerk
Die Leberkrankheiten
. Nach Ordinariaten für In-
nere Medizin in Freiburg (1926– 1930) und danach in Köln wechselte Eppinger als
Leiter der I. Medizinischen Universitätsklinik nachWien.
72
Auf der Basis bekann-
ter Dokumente besteht kein Zweifel daran, dass Hans Eppinger 1944 als Gutachter
an der Planung von Experimenten beteiligt war, die die Trinkbarmachung von
Meerwasser zum Ziel hatten.
73
Hierbei handelte es sich um eine kriegswichtige
86
Leopold Lichtwitz
(1876–1943), ausgewiesener
Stoffwechselforscher und Verfas-
ser des Lehrbuchs
Klinische Che-
mie
, wurde 1933 wegen seiner
jüdischen Herkunft entlassen.
Er emigrierte im gleichen Jahr in
die USA. In New York wurde er
Leiter der Medizinischen Klinik
am Montefiore Hospital New
York und lehrte klinische Medi-
zin an der Columbia University.
Lichtwitz war 1933 designierter
Vorsitzender des 45. Kongresses
der Deutschen Gesellschaft für
Innere Medizin, durfte den Vorsitz
jedoch nicht übernehmen. Vgl.
Kagan SR. Jewish Medicine. Bos-
ton 1952; 321.
87
Gutzeit K. Über die Gastroen-
teritis, Entzündung des Magen-
Darmkanals und ihre Folgeer-
scheinungen. (Klinische Lehrkurse
der Münchener Medizinischen
Wochenschrift, Band 12.) Mün-
chen 1933.
88
Georg Klemperer war in den
1920er Jahren renommierter Inter-
nist, der sich mit Ernährungsfra-
gen, Arzneimitteltherapie und
psychosomatischen Aspekten
befasste. Wolf U. Leben und Wir-
ken des Berliner Internisten Georg
Klemperer (1865–1946). [Disser-
tation]. Aachen 2003.
89
Nach dem Zweiten Weltkrieg
erschien die Reihe als
Klinik der
Gegenwart
, 1955 herausgege-
ben von K. Gutzeit, R. Cobet und
H.E. Bock.
90
Heinrich Teitge, internistisch
ausgebildet u.a. in der I. Medizini-
schen Klinik der Charité in Berlin
bei W. His, wurde am 1.4.1933
Oberarzt in der IV. Medizinischen
Klinik des Städtischen Kranken-
hauses Moabit in Berlin bei Vik-
tor Schilling. Seit 1935 war er
Ärztlicher Leiter der Abteilung
Innere Medizin am Urbankran-
kenhaus Berlin. Vgl. UA HUB PA
UK T010 Band I Bl. 1–14 u. Bl.
26. Teitge war seit dem 1.10.1930
SS- und NSDAP-Mitglied und seit
1931 NS-Zellenobmann in der
Charité. Vgl. UA HUB PA UK Band
I, Bl. 26 und BA (ehem. BDC) R
4901/13278. Im Januar 1943
wurde Teitge Leiter der Hauptab-
teilung Gesundheitswesen im
Generalgouvernement und Leiten-
der SS-Arzt beim Höheren SS- und
Polizeiarzt OST. Friedmann T, Hg.
Prof. Heinrich Teitge, SS-Brigade-
führer, Chefarzt der Gesundheits-
kammer im Generalgouvernement
1943–1945. Haifa 2002.
1...,39,40,41,42,43,44,45,46,47,48 50,51,52,53,54,55,56,57,58,59,...180
Powered by FlippingBook