100 Jahre DGVS - page 50

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Frage, da für in Seenot geratene, abgestürzte Piloten der Mangel an Süßwasser
eine Gefahr darstellte. Die Versuchsanordnung sah verschiedene Gruppen von
Versuchspersonen vor: Eine Gruppe sollte dursten, eine andere erhielt Meerwas-
ser, eine weitere konnte eine definierte Trinkwassermenge zu sich nehmen, eine
vierte Gruppe erhielt Meerwasser mit einem speziellen Zusatz (Berka-Verfah-
ren).
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Die Leitung der Untersuchungen übernahm mit Eppingers Zustimmung
sein Oberarzt Wilhelm Beiglböck aus der I. Medizinischen Universitätsklinik
Wien; Testpersonen, die aus dem KZ Buchenwald in das KZ Dachau verlegt wur-
den, waren als »Zigeuner« definiert.
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Beiglböck war sich der Qualen vor allembei
den Durstversuchen bewusst und hat selbst den durch das Dursten verursachten
Zustand der Versuchspersonen beschrieben.
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Zu Todesfällen ist es nicht gekom-
men, und Beiglböck versicherte, »dass ich die Versuche so abgebrochen habe,
dass die kritische Grenze in keinem Versuch überschritten wurde«
77
. Die Meer-
wassertrink- und Durstversuche waren hinsichtlich des Versuchsansatzes im
Nürnberger Ärzteprozess umstritten; ein Gutachter wie Franz Volhard vermochte
in den Versuchen kein »Verbrechen gegen die Humanität«
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zu erkennen. Art und
Auswahl der Versuchspersonen, die zudem unter rassischen Gesichtspunkten zu-
sammengestellt wurden, waren aber imhöchstemMaße fragwürdig. Insbesonde-
re wegen der Freiwilligkeitsproblematik wurde Wilhelm Beiglböck zu einer fünf-
zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.
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Hans Eppinger, 1945 seiner Ämter enthoben, entging diesen Prozessen, in-
dem er sich im September 1946 in Wien selbst das Leben nahm. Einerseits hatte
Eppinger jüdische Mitarbeiter wie Hans Popper gefördert, andererseits sah er bei
deren Vertreibung nach dem »Anschluss« Österreichs imMärz 1938 tatenlos zu.
80
Ohne Zweifel äußerte er sich mit nationalsozialistischemVokabular im Sinne der
herrschenden Ideologie, wenn er von Männern sprach, »die Träger dieser Führer-
rolle in einer kommenden Zeit«
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zu sein hätten. Vor allem löste seine Beteiligung
an den Planungen für die geschilderten Humanversuche im KZ Dachau in den
1980er Jahren internationale Diskussionen aus.
82
91
Gutzeit K, Teitge H. Die Gastro-
skopie, Lehrbuch und Atlas. Berlin,
Wien 1937.
92
Vgl. Anmerkung 84.
93
Teitges Habilitation 1936 an
der Berliner Universität, für die
G.v. Bergmann das Hauptgutach-
ten erstellte, erfolgte gegen den
Widerstand des Pharmakologen
W. Heubner, der Bedenken an der
wissenschaftlichen Qualifikation
Teitges äußerte. Vgl. UA HUB PA
UK T 010 Band III Bl. 3–38, hier
Bl. 22. Das Habilitationsverfah-
ren wurde aus Kreisen der NSDAP
beeinflusst. Vgl. UA HUB PA UK T
010 Band III Bl. 5 u. Bl. 10.
94
Voswinckel P, Hg. Biographi-
sches Lexikon der hervorragenden
Ärzte der letzten fünfzig Jahre von
Isidor Fischer, Band 3. Hildesheim
2002; 563.
95
Vgl. BArch-MA RH 12–23/215,
286 (Vergleichende Therapie).
96
Leyendecker B, Klapp BF. Deut-
sche Hepatitisforschung im Zwei-
ten Weltkrieg. In: Ärztekammer
Berlin in Zusammenarbeit mit
der Bundesärztekammer, Hg. Der
Wert des Menschen. Berlin 1989;
261–293. Auch BArch-MA sowie
RH 12–23/230, 237, 247, 386.
97
Mitscherlich, Mielke. Medizin
ohne Menschlichkeit; 127–129
und 285.
98
UA Münster, Bestand 9 ( Kura-
tor, Sachakten, Akte: Berufungen
der Med. Fak. 1951 bis 1955),
Nr. 1972.
99
von Bergmann G. Rückschau,
Geschehen und Erleben auf mei-
ner Lebensbühne. München
1953; 279.
100
Berg HH. Eröffnungsrede,
15. Tagung, Bad Kissingen 1950.
In: Classen M, Hg. Tagungen der
Deutschen Gesellschaft; 95.
101
Ebd.; 96.
102
Boyle jD. The American Gast-
roenterological Association. The
first seventyfive years. Gastroen-
terology 1973; 65: 1021−1106,
hier 1073.
1...,40,41,42,43,44,45,46,47,48,49 51,52,53,54,55,56,57,58,59,60,...180
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