100 Jahre DGVS - page 52

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Umgang mit der NS-Vergangenheit bis in die 1960er Jahre
Die DGVS-Präsidenten zwischen 1950 und 1969 gehörten zu den Generationen, die
zwischen 1887 und 1908 geboren waren, ihre medizinische Ausbildung
vor
der
Zeit des Nationalsozialismus erhalten hatten und wesentlich durch den Ersten
Weltkrieg sowie durch Erfahrungen in der Weimarer Republik geprägt waren. Sie
kannten die vertriebenen jüdischen Kolleginnen und Kollegen von den gemeinsa-
men Kongressen und durch die Publikationen in den Fachzeitschriften und sie
erlebten deren Ausschluss aus der Fachgesellschaft 1933. Nach 1945 waren sie in
leitenden Positionen an Universitätskliniken und großen Städtischen Kranken-
häusern tätig und hatten als Repräsentanten der DGVS maßgeblich Einfluss auf
den Umgang mit der Vergangenheit zwischen 1933 und 1945. Sie waren jedoch
nicht in der Lage, offen über das Geschehene zu sprechen; es waren Erfahrungen,
die für sie möglicherweise unaussprechlich waren. Ohne Zweifel wurde mit dem
Wiederau�au der Kliniken, der Wiederaufnahme der Forschungsaktivitäten und
der Wiederherstellung internationaler Kontakte Großes geleistet. Die Vergangen-
heit wurde mit Schweigen und, wenn nötig, mit Apologetik übergangen. Erst mit
wachsendemAbstand zu den Kriegsereignissen und nach mehreren Generations-
wechseln begann ab den 1970er Jahren eine Periode zunehmender kritischer Auf-
arbeitung der NS-Vergangenheit, die freilich nicht abgeschlossen ist.
Für die erste Phase nach 1945, jenen Zeitraum des Schweigens, sind die
Me-
moiren
von Gustav von Bergmann, 1953 publiziert, exemplarisch. Auf den 318 Sei-
ten erwähnt er die Geschehnisse seit 1933 und die Vertreibung seiner jüdischen
Mitarbeiter mit keinem Wort: Ȇber die gottlob vergangene Zeit will ich nichts
sagen, ich will nur das erzählen, was mich und meine Familie betroffen hat […]an
jene sich überstürzenden Geschehnisse darf ich für mich und die Meinen nur mit
einer Art Dankbarkeit zurückdenken, denn von meiner engeren Familie und von
meinen engeren Freunden habe ich niemanden verloren, und niemand aus die-
sem Personenkreis ist dem Dritten Reich gegenüber in eine verhängnisvolle Situ-
ation gekommen.«
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Hans Heinrich Berg, von 1934 bis 1960 Ordinarius für Innere Medizin an der
Universität Hamburg, fand bei der ersten Tagung der Gesellschaft für Verdau-
ungs- und Stoffwechselkrankheiten nach dem ZweitenWeltkrieg 1950 in Bad Kis-
singen ebenfalls keineWorte für die Vergangenheit. Er sprach lediglich allgemein
von »einem Jahrzehnt, angefüllt durch düstere und schmerzlichste Ereignis-
se«
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. Auf das Schicksal der jüdischen Gastroenterologen ging er nicht ein; bei
dem Gedenken an die seit 1938 Verstorbenen nannte er zwar den früheren lang-
jährigen Generalsekretär der Gesellschaft von
den
Velden, dessen Emigration er-
wähnte er nicht.
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Berg hatte wegweisend und international anerkannt zur Rönt-
gentechnik und radiologischen Diagnostik des Intestinaltraktes geforscht und
seit den 1920er Jahren im
Archiv
publiziert, zu dessen Mitherausgeberkreis er seit
1934 gehörte. Er erhielt 1958 als einer der wenigen Deutschen nach Adolf Kuß-
maul, Wilhelm v. Leube, Carl Anton Ewald, Ismar Boas und Bernhard Naunyn die
Ehrenmitgliedschaft der
American Gastroenterological Association (AGA)
.
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Als
Oberarzt in der II. Medizinischen Klinik der Charité Berlin erlebte Berg seit 1927
die Entwicklung in der Gastroenterologie sehr direkt mit. Berg selbst hatte wäh-
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Richard Schatzki (1901−1992)
war 1926/27 für 15 Monate Mit-
arbeiter Bergs in der Frankfurter
Medizinischen Universitätsklinik.
Er musste 1933 in die USA emigrie-
ren und war in Boston und später
in Cambridge/USA tätig; von ihm
stammt die radiologische Beschrei-
bung von Oesophagus- und
Magenvarizen; eine Ringstruktur
im distalen Oesophagus ist nach
ihm benannt. Vgl. Schatzki SC.
Richard Schatzki, M.D.A. biogra-
phy. A J R 1988; 150: 508−509
und Haubrich WS. Schatzki of
Schatzki ring. Gastroenterology
2006; 131: 1668. Alice Ettin-
ger (1899−1993) wurde 1932
von H.H. Berg von Berlin nach
Boston geschickt, um dort die
Röntgentechnik der Zielaufnah-
men bekannt zu machen. Ettin-
ger kehrte nicht nach Deutsch-
land zurück. Sie wurde Ende der
1950er Jahre Inhaberin des ersten
Lehrstuhls für Radiologie an der
Tufts University School of Medi-
cine in Boston. Vgl.
gov/changingthefaceofmedicine/
physicians/biography_105.html
(5.2.2013).
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Nissen R. Helle Blätter –
dunkle Blätter; 301.
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So hat H. Kalk anlässlich sei-
ner Eröffnungsrede zur 20. Tagung
1959 von »völlig ungerechtfertig-
ten Beschuldigungen« gegenüber
Kurt Gutzeit gesprochen. Kalk
bezeichnete Gutzeit als »hervor-
ragenden Forscher, begeisterten
akademischen Lehrer und großen
Arzt«. In: Classen M, Hg. Tagun-
gen der Deutschen Gesellschaft;
129.
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Martini P. Eröffnungsanspra-
che des Vorsitzenden, 1948. In:
Hundert Jahre Deutsche Gesell-
schaft für Innere Medizin, Eröff-
nungsreden; 597−609. Vgl.
Thannhauser Sj. Paul Martini
zum 70. Geburtstag. Dtsch Med
Wochenschr 1959; 84: 154–155.
Paul Martini war von 1932 bis
1959 Ordinarius für Innere Medi-
zin an der Universität Bonn und
verhielt sich distanziert gegenüber
dem Nationalsozialismus. Von ihm
stammt das Werk
Methodenlehre
der therapeutischen Untersuchung
,
in dem er Prinzipien kontrollier-
ter Studien und evidenzbasierter
Medizin vorwegnahm. P. Martini
war seit 1929 Mitglied der Gesell-
schaft für Verdauungs- und Stoff-
wechselkrankheiten.
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