100 Jahre DGVS - page 53

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Kapitel 3
rend seiner Tätigkeit in Frankfurt mit Richard Schatzki einen wichtigen Schüler
und in Berlin mit Alice Ettinger eine aufstrebende Mitarbeiterin; beide stammten
aus jüdischen Familien und wurden später in den USA bekannte Radiologen.
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Rudolf Nissen, der schon erwähnte bekannte Chirurg, berichtete in seinen
Erinnerungen über eine Begegnungmit Berg, den er 1948während seiner Deutsch-
landreise in Hamburg besuchte: »Eine letzte Besprechung hatte ich noch mit H.H.
Berg, der zu meiner Berliner Zeit Oberarzt von G. v. Bergmann und jetzt Direktor
der Hamburger Medizinischen Universitätsklinik war. Es war sicher gut gemeint,
als er die Barbarei der Nazis und ihre Rückwirkungen im akademischen Sektor zu
bagatellisieren suchte. Er konnte umso weniger überzeugen, als ich am Tag zuvor
in einer Buchhandlung das Werk
Das Diktat der Menschenverachtung
von A. Mit-
scherlich und F. Mielke fand, das der Verkäufer unter dem Ladentisch hervorholte.
Es war eine grausige Lektüre.«
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Die Ergebnisse des Nürnberger Ärzteprozesses waren in der Fachgesell-
schaft nicht Gegenstand eines Diskurses. Vielmehr wurde Kritik selbst an jenen,
die für verbrecherische Humanversuche mitverantwortlich waren, als unberech-
tigt zurückgewiesen.
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Dass eine reflektierende Betrachtung der Rolle der Medi-
ziner im »Dritten Reich«, Selbstkritik und Erinnerung an die emigrierten Kollegen
auch kurz nach 1945 möglich waren, hat der Bonner Internist Paul Martini mit
seiner Eröffnungsrede zum 54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere
Medizin 1948 bewiesen.
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Es ist verstörend, dass von denjenigen Medizinern, die für Versuche mit
wehrlosen Menschen im Dritten Reich verantwortlich waren, keine Worte der
Scham, des Bedauerns oder der Entschuldigung überliefert sind.
Allgemein gab es in Deutschland in den ersten 20 Jahren nach dem Zweiten
Weltkrieg – abgesehen von der grundlegenden Publikation
Medizin ohne Mensch-
lichkeit
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, herausgegeben und kommentiert von Mitscherlich und Mielke – we-
der eine öffentliche Auseinandersetzung noch eine wissenschaftliche Beschäfti-
gung mit der Medizin während der Zeit des Nationalsozialismus. Seit etwa 1980
ist eine große Zahl von Veröffentlichungen erschienen, die sich um eine Aufarbei-
tung der Verfehlungen und Verbrechen von Medizinern im Nationalsozialismus
und um eine Au�lärung der Entwicklungen in denmedizinischen Fakultäten und
wissenschaftlichen Institutionen seit 1933 bemühen.
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Die in diesem Kontext
publizierten Einzelstudien zu den Spezialfächern Pädiatrie, Urologie und Augen-
heilkunde können als vorbildlich gelten.
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Mitscherlich, Mielke. Medi-
zin ohne Menschlichkeit. Eine
Auswahl der Nürnberger Prozess-
dokumente hatten die Verfasser
erstmals 1947 als Broschüre mit
dem Titel
Diktat der Menschen-
verachtung
veröffentlicht. Der
Abschlussbericht über den Nürn-
berger Ärzteprozess erschien 1949
mit dem Titel
Wissenschaft ohne
Menschlichkeit
im Verlag Lambert
Schneider, Heidelberg. Vgl. Peter
J. Der Nürnberger Ärzteprozess
im Spiegel seiner Aufarbeitung
anhand der drei Dokumenten-
sammlungen von Alexander Mit-
scherlich und Fred Mielke. Zweite
Aufl. Münster 1998; 37−57.
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Exemplarisch seien genannt
und auf die in den Publikatio-
nen enthaltenen Bibliografien
verwiesen: Bleker J, Jachertz N,
Hg. Medizin im Dritten Reich.
Köln 1989. von den Bussche H,
Hg. Medizinische Wissenschaft
im »Dritten Reich«, Kontinuität,
Anpassung und Opposition an der
Hamburger Medizinischen Fakul-
tät. Berlin, Hamburg 1989. Jütte
R, Eckart WU, Schmuhl H-W, Süß
W, Hg. Medizin und Nationalso-
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Eckart WU. Medizin in der NS-Dik-
tatur, Ideologie, Praxis, Folgen.
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krieg, Militärmedizinische Praxis
und medizinische Wissenschaft im
»Totalen Krieg«. Paderborn 2006.
Schleiermachen S, Schagen U, Hg.
Die Charité im Dritten Reich, Zur
Dienstbarkeit medizinischer Wis-
senschaft im Nationalsozialismus.
Paderborn 2008. Oehler-Klein S,
Roelcke V, Hg. Vergangenheits-
politik in der universitären Medi-
zin nach 1945, Institutionelle
und individuelle Strategien im
Umgang mit dem Nationalsozialis-
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109
Seidler E. Jüdische Kinderärzte
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