100 Jahre DGVS - page 55

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Forschende Mediziner, Instrumentenbauer sowie Hersteller optischer Ge-
räte aus Deutschland waren in der Entwicklung von Endoskopen zwischen 1890
und 1933 führend. Georg Wolf aus Berlin wurde als Konstrukteur neuer Instru-
mente zu einem wichtigen Partner jener Ärzte, die sich mit der Verbesserung der
Endoskope befassten. Mitbedingt durch die Kontinuitätsbrüche während des Na-
tionalsozialismus und der Vertreibung vielerWissenschaftler verlagerten sich die
Schwerpunkte der Endoskopieforschung seit 1933 in die USA und nach Japan.
Die Vorgeschichte der Gastroskopie
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1806 hatte der Frankfurter Philipp Bozzini seinen Lichtleiter mit Spiegel- und
Röhrensystem und einfacher Kerze zur Inspektion von Körperhöhlen vorgestellt,
der als »Urtyp der weitverzweigten Endoskopiefamilie« gilt.
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Die erste ­Sondierung
von Oesophagus und Magen mit einem starren Rohr nahmen Adolf Kußmaul und
Julius Müller
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– inspiriert durch die Darbietung eines Schwertschluckers – 1868
vor. In dieser frühen, experimentellen Phase konnten kaum verwertbare diagnos-
tische Ergebnisse erwartet werden, die Sichtverhältnisse waren unzureichend
und das Risiko einer Oesophagusperforation war hoch.
Der österreichische Instrumentenbauer Josef Leiter und die Chirurgen Jo-
hann von Mikulicz-Radecki und Viktor von Hacker setzten 1881 ein Gastroskop
ein, dessen Lichtquelle aus einem wassergekühlten Platindraht bestand, der von
einer Batterie zum Glühen gebracht wurde.
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Die Einführung der »Edison-Lampe«
(1879) und deren spätere Miniaturisierung stellten einen großen Fortschritt bei
der Suche nach einer integrierbaren Lichtquelle dar. Ein weiterentwickeltes Gast-
roskop präsentierte 1895/96Theodor Rosenheim.
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An der Gerätespitze befand sich
eine elektrische Glühlampe, das Gerät enthielt einen Kanal zur Luftinsufflation,
und eine Gummikappe an der Spitze des Gerätes sollte Traumatisierungen des Ge-
webes verhindern. Rosenheim erhielt seine internistische Ausbildung bei Her-
mann Senator in der III. Medizinischen Klinik der Charité Berlin, wurde dort habi-
litiert und gehörte nach seiner Kliniktätigkeit neben Boas, Strauß, Albu und Elsner
zu den bekannten Berliner Spezialärzten für Magen-Darm-Krankheiten. Weitere
Varianten von Gastroskopen wurden neben anderen von Georg Kelling, der früh-
zeitig für flexible Geräte plädierte, von Leopold Kuttner, einemEwald Schüler, von
Alexander Stieda und Karl Loening sowie von Martin Sussmann, der Kellings Idee
biegsamer Instrumente aufnahm, entwickelt.
4 
Vilardell F. Digestive endos-
copy. Vgl. Walk L. The history of
gastroscopy. Clio Medica 1966; 1:
209–222. Vgl. Lux G, Demling L.
100 Jahre Gastroskopie. Fortschr
Med 1983; 101: 107–112.
5
Mann G. Der Frankfurter Licht-
leiter, Neues über Philipp Bozzini
und sein Endoskop. Med hist J
1973; 8: 105–130, hier: 105.
6 
Kilian G. Zur Geschichte der
Oesophago- und Gastroskopie.
Dtsch Ztschr f Chir 1901; 58:
499–512, hier 500.
7 
Neumann HA, Hellwig A. Vom
Schwertschlucker zur Glasfiber-­
optik; 37.
8 
Rosenheim Th. Ueber die Besich-
tigung der Cardia nebst Bemer-
kungen ueber Gastroskopie.
Dtsch Med Wochenschr 1895;
21: 740–744. Vgl. Rosenheim
Th. Ueber Gastroskopie. Berl Klin
Wochenschr 1896; 33: 275–278
und 325–327.
▶ Den Beginn der Endoskopie
markieren Adolf Kußmaul und
Julius Müller, die – inspiriert von
einem Schwertschlucker – 1868
ein starres Rohr einführen. Die
Sichtverhältnisse sind aber noch
zu schlecht, um diagnostische
Ergebnisse zu erhalten. 1881 prä-
sentieren der österreichische Ins-
trumentenbauer Josef Leiter und
die Chirurgen Johann von Miku-
licz-Radecki und Viktor von Hacker
ein starres Gastroskop mit eigener
Lichtquelle.
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