100 Jahre DGVS - page 57

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terbrochen. Seine internistische Ausbildung erhielt Schindler im Städtischen
Krankenhaus München-Schwabing; 1924 ließ er sich in München mit eigener Pra-
xis nieder. Nach den ersten Publikationen wurde seine gastroenterologisch-en-
doskopische Praxis in den Folgejahren zu einem Anziehungspunkt für in- und
ausländische Ärzte, die seine Methode der Gastroskopie erlernen wollten; darun-
ter waren 1925 die Ärztin Marie Ortmayer und im Jahr darauf Walter L. Palmer,
beide aus Chicago.
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Schindler setzte sich offen mit den Limitationen und den Gefahren starrer
Gastroskope auseinander. Komplikationen undWarnungen, wie jene durch Ferdi-
nand Sauerbruch 1924, waren für ihn Motivation, die eingesetzten Geräte zu ver-
bessern und zu perfektionieren.
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Zwischen 1928 und 1932 entwickelten Schindler
und sein kongenialer Partner, der Berliner Instrumentenbauer Georg Wolf, das
semiflexible Gastroskop. Der flexibleAbschnitt bestand aus einer Stahldrahtspira-
le, die mit zwei Gummischichten bedeckt war. Dazwischen befand sich ein Kanal
zur Luftinsufflation sowie ein Kabel für das an der Gerätespitze befindliche
Glühlämpchen. In der zentralen Achse der beiden Geräteabschnitte waren 51 ge-
reihte optische Elemente (Sammellinsen) angeordnet. Am distalen, durch einen
Gummiball geschützten Geräteende, befand sich eine Seitblickoptik (Prisma als
Ende des optischen Systems).
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Dieser Gerätetyp wurde mit Modifikationen zum
Routinegastroskop bis Ende der 1950er Jahre. Frühzeitig hat Schindler die Ergeb-
nisse und die Sicherheit der Gastroskopie evaluiert. 1940 veröffentlichte er eine
Auswertung von 22.351 Gastroskopien durch verschiedene Untersucher und be-
richtete von acht Magenperforationen, eine davon mit tödlichem Ausgang (Leta-
lität 0,004 Prozent).
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Die Entnahme von Biopsien zur histologischenVerifizierung
von Magenschleimhautveränderungen wurde seit den 1940er Jahren Bestandteil
der Endoskopie.
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Im September 1933 wurde Rudolf Schindler wegen kritischer Äußerungen
über Adolf Hitler von der Gestapo in »Schutzhaft« genommen.
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Bis zum Juli 1934
war er im Münchener Zentralgefängnis inhaftiert.
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Mit Hilfe einer Einladung als
Visiting Professor of Medicine an der Universität Chicago durch Marie Ortmayer,
Walter L. Palmer und andere Unterstützer einschließlich des Refugee Physicians’
Fund emigrierte Rudolf Schindler mit seiner Familie – wegen seiner jüdischen
Herkunft im NS-Staat zusätzlich bedroht – im Sommer 1934 in die USA.
26
Hier
wurde er bald zu einem der führenden Gastroskopiker, machte Chicago zum
18 
Schäfer PK, Sauerbruch T.
Rudolf Schindler (1888–1968),
»Vater« der Gastroskopie. Vgl.
Davis AB. Rudolf Schindler’s role
in the development of gastros-
copy. Bull Hist Med 1972; 46:
150–170. Gordon ME. Kirsner jb.
Rudolf Schindler, Pioneer endosco-
pist, Glimpses of the man and his
work. Gastroenterology 1979; 77:
354–361.
19 
Schindler R. Gastroscopy. Ack-
nowledgments; XI.
20 
Sauerbruch F. Gastroskopie mit
tödlichem Ausgang. Zbl Chir 1924;
51: 38–39. Schindler R. Gastros-
copy; 11.
21 
Schäfer PK, Sauerbruch T.
Rudolf Schindler (1888–1968),
»Vater« der Gastroskopie; 553.
22 
Schindler R. Results of the
questionnaire on fatalities in gast-
roscopy. Am J Dig Dis 1940; 7:
293–295.
23 
Kenamore B, Scheff H,
Womack NA. Study of gastric lesi-
ons by means of biopsy specimens
removed endoscopically. Arch Surg
1946; 52: 50–58.
24 
Davis AB. Rudolf Schindlers role
in the developement of gastros-
copy; 159.
25 
Schäfer PK. Sauerbruch T.
Rudolf Schindler (1888–1968),
»Vater« der Gastroskopie; 553.
26 
Davis AB. Rudolf Schindlers role
in the developement of gastros-
copy; 159.
▶ + ▶▶ Das semiflexible Gastros-
kop von Georg Wolf und Rudolf
Schindler.
1...,47,48,49,50,51,52,53,54,55,56 58,59,60,61,62,63,64,65,66,67,...180
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