100 Jahre DGVS - page 59

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»Mekka der Gastroskopie«, beschäftigte sich intensiv mit der Morphologie und
Pathologie der Magenschleimhaut, insbesondere der Gastritis und war organisa-
torisch aktiv. Schindler gründete denAmerican Gastroscopic Club, dem er 1941 als
erster Präsident vorstand.
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Der »Club« nannte sich später American Gastroscopic
Society, aus der 1961 die American Society of Gastrointestinal Endoscopy (ASGE)
hervorging. 1953 wurde zu seinen Ehren der »Schindler Award« von der Society
eingeführt, er selbst erhielt diesen Preis durch die ASGE 1962.
1943 wechselte er nach Los Angeles, lehrte an der Loma-Linda-Universität
und befasste sich weiter mit Problemen der Gastroskopie. Schindler war eine viel-
seitige Persönlichkeit, verfolgte mehrere Hobbys, sprach sieben Sprachen und
war musikalisch hochbegabt.
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1964 starb seine Ehefrau Gabriele Schindler, die
auch in den USA seine Endoskopieassistentin war.
1965 kehrte Schindler nach Deutschland zurück und lebte wieder in Mün-
chen; als er am 6. September 1968 starb, war er in den USA hochgeehrt.
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Norbert
Henning nannte ihn einen »Klassiker der medizinischen Forschung«.
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Die Entwicklung eines verbesserten Endoskopes, das mehr Sicherheit bot,
dieVerbreitung der Gastroskopie und seine Beiträge zur endoskopischenMorpho-
logie der Magenmukosa sind Schindlers bleibende Verdienste.
Entwicklung der Endoskopie nach 1957
Der 22-jährige Münchener Medizinstudent Heinrich Lamm (1908– 1974) wurde
durch Schindlers Demonstration der Gastroskopie angeregt, 1930 als erster die
Idee zu entwickeln, biegsame Glasfaserbündel zur Bildübertragung gastroskopi-
scher Befunde einzusetzen und dadurch vollflexible Geräte zu ermöglichen.
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Aus
welchen Gründen Lamm keine Unterstützung für die praktische Umsetzung sei-
ner Erkenntnisse fand und warum Schindler dessen grundsätzlich neues Konzept
nicht weiter in seine Forschung einbezog, ist im Detail nicht eindeutig dokumen-
tiert. Heinrich Lamm war nach Examen und Promotion 1933 in Berlin im Jüdi-
schen Krankenhaus in Breslau tätig; 1937 musste er Deutschland wegen seiner
jüdischen Herkunft verlassen, emigrierte in die USA, arbeitete seit 1938 in Texas
als Chirurg in einem Hospital und fand keine Möglichkeit mehr, seine Ideen über
den Einsatz von Glasfasern weiterzuverfolgen.
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Nach Lamms Publikation zur Transmission von Bildern über Kurven und
Biegungen durch Glasfaserbündel vergingen 27 Jahre bis zu Basil Hirschowitz’
27 
Gerstner P. The American
Society for Gastrointestinal
Endoscopy: a history. Gastroin-
test Endosc 1991; 37 (2, Suppl.):
1–26, hier 1–3.
28 
Gordon ME, Kirsner JB. Rudolf
Schindler, Pioneer Endoscopist;
360.
29 
Dagradi AE, Stempien StJ.
In Memoriam Rudolf Schindler.
Gastrointest Endosc 1968; 15:
121–122.
30 
Henning N. In memoriam
Prof. Dr. med. Rudolf Schind-
ler (1888–1968). Münch Med
Wochenschr 1969; 111: 885–887.
31 
Lamm H. Biegsame optische
Geräte. Ztschr f Instrumenten-
kunde 1930; 50: 579–581.
32 
Anonymous. Dr. H. Lamm.
Obituary. Texas Medicine 1975;
71 (3): 120. Die biographischen
Angaben basieren auf einer per-
sönlichen Mitteilung des Sohnes
von H. Lamm an den Verfasser
(H.J.) vom 22.6.2013.
▶ Rudolf Schindler war bis 1933
am Schwabinger Krankenhaus in
München tätig. Wegen Kritik an
Adolf Hitler wurde er verhaftet
und saß bis Sommer 1934 in Haft.
Anschließend konnte er mit sei-
ner Familie in die USA emigrieren,
wo er zunächst Visiting Professor
an der Universität von Chicago
wurde.
▶▶ Der Instrumentenbauer Georg
Wolf.
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