100 Jahre DGVS - page 63

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Kapitel 4
Neuanfang – die DGVS in der
Bundesrepublik
Die größten Herausforderungen für die deutsche Gesellschaft nach demKriegsen-
de im Mai 1945 bestanden in der Beseitigung der Kriegsschäden und dem Neube-
ginn nach den Verbrechen des Nationalsozialismus. Für die meisten Menschen
standen die Alltagssorgen im Vordergrund. So mussten Wohnraum, ausreichend
Nahrung und Brennmaterial, zumal im eisigenWinter 1946/47, beschafft werden.
Hinzu kam die notwendige Integration der Flüchtlinge aus den ehemaligen deut-
schen Ostgebieten. Da die Londoner Außenministerkonferenz 1947 an der fehlen-
den Einigung zwischen denWestalliierten und der Sowjetunion scheiterte, zeich-
nete sich immer mehr die politische Teilung Deutschlands zwischen den drei
Besatzungszonen unter amerikanischer, britischer und französischer Führung ei-
nerseits und der sowjetischen Besatzungszone andererseits ab. Die Teilung
Deutschlands wurde 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland
endgültig besiegelt.
Ein wesentlicher Schritt für die Normalisierung des Alltags bedeutete 1950
dieAbschaffung der Lebensmittelkarten in der Bundesrepublik; dies war ein deut-
liches Zeichen für die Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände. Die Men-
schen sehnten sich nach den schrecklichen Erfahrungen des Krieges nach Nor-
malität undWohlstand. Das sogenannte Wirtschaftswunder hielt in Deutschland
Einzug und führte vor diesem Hintergrund zu einem prosperierenden, Konsum-
gestützten Aufschwung, der breite Bevölkerungsschichten betraf.
Ebenso wie die Gesellschaft sahen sich auch die Ärztinnen und Ärzte in den
ersten Nachkriegsmonaten und -jahren mit drängenden praktischen Problemen
konfrontiert. Gerade die erste Zeit direkt nach Kriegsende war von »Ad-hoc-Maß-
nahmen zur Verhinderung von Epidemien und der Verteilung der sehr begrenzten
Mittel geprägt«.
1
Die medizinische Versorgung in Deutschland litt dabei vor allem
an einem Mangel an Ärzten. So gab es in der BRD 1950 67.000 Ärzte, 4.500 davon
waren inWest-Berlin tätig.
2
Auch unter der Ärzteschaft hatte der Krieg viele Opfer
gefordert, zudem waren die meisten Ärzte jüdischer Herkunft entweder ausge-
wandert oder von den Nationalsozialisten deportiert und in den Konzentrations-
lagern ermordet worden. Es wird geschätzt, dass etwa neun- bis zehntausend
deutschsprachige Mediziner, mit einem hohen Anteil an Fachärzten, unter natio-
nalsozialistischer Herrschaft das Land verlassen mussten.
3
Nach Kriegsende stieg
die Zahl der Ärzte zwischen 1950 und 1955 auf 75.000 an.
4
Vor diesem Hintergrund galt es in der Medizin nach 1945 zahlreiche Proble-
me zu lösen: so etwa Fragen der medizinischen Grundversorgung angesichts der
1
Europäisches Observatorium
für Gesundheitssysteme, Hg.
Gesundheitssysteme imWandel –
Deutschland. o.O. 2000; 16.
2
Statistisches Bundesamt, Hg.
Statistisches Jahrbuch für die Bun-
desrepublik Deutschland. Wiesba-
den 1953; 82.
3
Kröner HP. Die Emigration
deutschsprachiger Mediziner im
Nationalsozialismus. In: Berichte
zur Wissenschaftsgeschichte, Son-
derheft 12, 1989; 15.
4
Statistisches Jahrbuch für die
Bundesrepublik Deutschland
1957; 78.
1...,53,54,55,56,57,58,59,60,61,62 64,65,66,67,68,69,70,71,72,73,...180
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