100 Jahre DGVS - page 64

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Folgen von Unterernährung, Kriegsverletzungen, fehlender medizinischer Infra-
struktur und mangelnder Versorgung mit Medikamenten. Die Arbeiten der Fach-
gesellschaften, auch der DGVS, wurden dabei zunächst von organisatorischen
Aufgaben dominiert: Es standen die Neuorganisation der medizinischenAus- und
Weiterbildung sowie dieWiederaufnahme der Fachkongresse, die Positionierung
des Fachgebietes im Rahmen der Facharztqualifikation und die Wiederanknüp-
fung der internationalen Kontakte imVordergrund.
Aufarbeitung der Vergangenheit
»Insgesamt waren zwei Drittel aller deutschen Ärzte institutionell in irgendeiner
Form an das Dritte Reich gebunden«, betont der Historiker Michael Kater.
5
Die
meisten von ihnen waren Mitglieder der NSDAP, mehr als jeder zweite Arzt
6
, viele
auch im NS-Ärztebund (NSDÄB), der 1933 aus den beiden größten Berufsorganisa-
tionen, dem Hartmannbund und dem Deutschen Ärztevereinsbund, hervorge-
gangen war. Rund ein Drittel der Ärzte im Deutschen Reich waren hier Mitglied.
7
Die SA war die zahlenmäßig drittwichtigste Organisation für nationalsozialisti-
sche Ärzte, hier waren 26 Prozent der Mediziner involviert, sieben Prozent gehör-
ten der SS an.
Diese Verwicklung war nach Kriegsende Anlass für den sogenannten
Ärzte-
prozess
zwischen Dezember 1946 und August 1947. Nach den Gerichtsverhandlun-
gen gegen die angeklagten Hauptkriegsverbrecher und Organisationen des Natio-
nalsozialismus in den Nürnberger Prozessen
8
wurde in diesem zweiten großen
Verfahren Anklage gegenüber zwanzig Medizinern erhoben. Die Ärzte wurden
folgender Vergehen beschuldigt: Menschenversuche in Konzentrationslagern,
Euthanasiemorde an Kranken und Behinderten, Zwangssterilisationen sowie
Au�au einer Skelettsammlung an der Universität in Straßburg, für die Gefangene
in Auschwitz ermordet worden waren. Alle Angeklagten plädierten auf »nicht
schuldig«, sieben von ihnen wurden zum Tode verurteilt.
9
Über diesen Prozess
hinaus mussten sich jene Mediziner, die Mitglied in einer der NS-Organisationen
gewesen waren, einem Entnazifizierungsverfahren stellen, das im Regelfall mit
Freisprüchen oder mit geringen Geldstrafen endete. Nur in Einzelfällen wurden
Haftstrafen oder Berufsverbote ausgesprochen.
Das öffentliche Interesse in Deutschland an den Nürnberger Prozessen und
an den hier deutlich gewordenen ethischen Fragen war gering. In Tages- undWo-
5
Kater MH. Medizin und Medi-
ziner im Dritten Reich, Eine
Bestandsaufnahmen. In HZ 1987;
244: 299–352, hier 315.
6
Gezählt wurden diejenigen, die
ab 1936 in der Reichsärztekammer
(RÄK) zwangskorporiert waren,
und die deutsche Reichsbürger-
schaft hatten. Ebd.; 311.
7
Hauenstein E. Ärzte im Dritten
Reich. Weiße Kittel mit braunen
Kragen. Online in
thieme.de/viamedici/zeitschrift/
heft0502/3_topartikel.html,
(18.2.2013).
8
Fischer T, Lorenz MN, Hg. Lexi-
kon der Vergangenheitsbewäl-
tigung in Deutschland, Debat-
ten- und Diskursgeschichte des
Nationalsozialismus nach 1945.
Bielefeld 2007; 21.
9
Hauenstein. Ärzte im Dritten
Reich.
◀◀ Am 8. Mai kapitulierte
Deutschland bedingungslos vor
den Alliierten. In Europa war der
Krieg beendet. Deutschland und
große Teile Europas lagen in Schutt
und Asche. Hier ein Blick auf das
zerstörte Schwabinger Kranken-
haus in München.
◀ Sofort nach Kriegsende began-
nen die Siegermächte, das
NS-Regime zu demontieren. Alle
Mitglieder der NSDAP und ihrer
Gliederungen mussten sich einem
Entnazifizierungsverfahren unter-
ziehen. Die Verfahren wurden
schon bald vom Ost-West-Konflikt
überschattet. Wichtiger als eine
Strafe war, die beiden deutschen
Staaten wieder handlungsfähig zu
machen. Die meisten ehemaligen
Nazis wurden amnestiert, freige-
sprochen oder zu niedrigen Geld-
strafen verurteilt.
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