100 Jahre DGVS - page 65

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Kapitel 4
chenzeitungen gab es dazu nur vereinzelte Beiträge, die Berichterstattung erfolgte
weitestgehend in reinen Fachzeitschriften. Doch auch in englischsprachigen Pub-
likationen fanden die Prozesse wenig Resonanz. Bald geriet die Auseinanderset-
zung mit der 12-jährigen Nazi-Herrschaft in den Hintergrund oder wurde mit
Schweigen übergangen.
10
Der politische Klimawandel im Kontext des Kalten
Krieges begünstigte darüber hinaus die Freilassung der meisten Verurteilten, die
größtenteils ohne Einschränkung ihre Karrieren fortsetzen konnten.
11
Wie nahezu die gesamte Gesellschaft hat auch die DGVS in der ersten Nach-
kriegsperiode keine aktiven Bemühungen unternommen, die
möglichen
Verstri-
ckungen einzelner Mitglieder im NS-Regime systematisch aufzuarbeiten. Hans
Heinrich Berg hatte sich nach 1945 für die Neugründung der DGVS in den westli-
chen Besatzungszonen bzw. in der BRD engagiert. Schriftführer der Gesellschaft
wurde 1950 Hans Wilhelm Bansi, der das Amt 1955 an den damaligen stellvertre-
tenden Schatzmeister Gustav Adolf Martini, einem Schüler Bergs, übertrug.
12
Hinweise darauf, dass das Verhalten einzelner Gesellschaftsmitglieder während
der NS-Zeit von der Gesellschaft problematisiert oder offiziell thematisiert wurde,
sind nicht bekannt.
Differenzierte biografische Skizzen der DGVS-Präsidenten zwischen 1950
und 1964, wie Hans Heinrich Berg, Gerhardt Katsch, Kurt Beckmann, Norbert
Henning, Heinz Kalk, Hans Wilhelm Bansi und Robert Mark existieren bisher
nicht. Sie alle waren seit 1939 »Beratende Internisten« der Wehrmacht in verant-
wortungsvoller Position; ihre politischen Einstellungen, ihr Wissen um ethische
Grenzüberschreitungen und mögliche Verstrickungen der deutschen Mediziner
in der Zeit zwischen 1933 und 1945 sind bisher allenfalls punktuell bekannt. Es ist
– aus heutiger Sicht – unverständlich, dass sie nach 1945 in ihrenAnsprachen kei-
ne Worte des Bedauerns über die Vertreibung und das Schicksal ihrer jüdischen
Kolleginnen und Kollegen gefunden haben.
Besonders fällt dies in der Rede Hans Heinrich Bergs anlässlich der ersten
Tagung der DGVS in der Nachkriegszeit vom 28. bis 30. September 1950 in Bad Kis-
singen auf.
Der Kongress war monothematisch ausgerichtet und widmete sich den Le-
berkrankheiten. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass während des Kongresses
mit Hans Voegt, Friedrich Meythaler und Arnold Dohmen Ärzte Referate hielten,
die in der NS-Zeit tief in der Durchführung von Hepatitis A-Experimenten an psy-
10
Peter J. Der Nürnberger Ärzte-
prozeß im Spiegel seiner Aufarbei-
tung anhand der drei Dokumen-
tensammlungen von Alexander
Mitscherlich und Fred Mielke.
Münster 1998; 126.
11
Fischer, Lorenz. Lexikon der
Vergangenheitsbewältigung; 23.
12
Vgl. Verh Ges Verd Stoffwech-
selkr, XV. Tagung in Bad Kissingen
(28. bis 30. September 1950),
Gräfelfing 1953 bis XVIII. Tagung,
in Bad Homburg (3. bis 5. Okto-
ber 1955), Gräfelfing 1956 und
Creutzfeldt W, Martini GA, Stroh-
meyer G. Meilensteine der Gastro-
enterologie und Stoffwechselfor-
schung in den deutschsprachigen
Ländern, Freiburg 1997; 10.
▶ Auch im NS-System verstrickte
Mediziner mussten sich im Nürn-
berger Ärzteprozess 1946/1947
rechtfertigen. Angeklagt waren 20
KZ-Ärzte sowie ein Jurist und zwei
Verwaltungsfachleute als Organi-
satoren von Medizinverbrechen.
Von den 23 Angeklagten wurden
sieben zum Tode verurteilt, fünf zu
lebenslangen Haftstrafen und vier
zu Haftstrafen zwischen 10 und 20
Jahren. Sieben Angeklagte wurden
freigesprochen.
▶▶ Hier stehend beim Ärztepro-
zess Oskar Schröder, er initiierte
die Meerwasserversuche im KZ
Dachau. Schröder wurde 1947 zu
lebenslanger Haft verurteilt und
1954 vorzeitig entlassen.
1...,55,56,57,58,59,60,61,62,63,64 66,67,68,69,70,71,72,73,74,75,...180
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