100 Jahre DGVS - page 67

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Kapitel 4
auf ihre Aufgaben in ihrem Spezialfach beschränken und jede Form von hausärzt-
lichen Tätigkeiten dem praktischen Arzt überlassen.
17
Das Führen von mehreren
Gebietsbezeichnungen war ebenfalls untersagt worden. An diesem Beschluss än-
derte sich während der NS-Zeit wenig.
Der Bruch für dieWeiterbildung zum Facharzt für Magen-, Darm- und Stoff-
wechselkrankheiten geschah auf dem 52. Ärztetag 1949 in Hannover, auf dem die
Ausbildung aus der Liste der Facharztbezeichnungen gestrichen wurde. Für die
DGVS war dies ein herber Rückschlag; die Gesellschaft reagierte mit Unverständ-
nis auf die Entscheidung. Aus ihrer Sicht war es »unbegreiflich« und »reaktionär«,
den gastroenterologischen Facharzt abzuschaffen.
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So plädierte Heinz Kalk, Prä-
sident der 20. Tagung der DGVS 1959 in Kassel, für die Einrichtung von gastroen-
terologischen Sonderabteilungen an Kliniken und Krankenhäusern. Diese seien
alleine deshalb notwendig, um Forschung undAusbildung und damit letztendlich
die Versorgung der Patienten zu verbessern. EinAntrag aufWiedereinführung des
Gebietes Gastroenterologie wurde 1956 auf dem Ärztetag in Münster abgelehnt.
Ursächlich für diese Entscheidung war die fortbestehende Einheitsidee der Inne-
ren Medizin mit der Befürchtung einer »Spaltung« durch die Anerkennung von
Spezialgebieten.
Dass im Geburtsland der Fachrichtung Gastroenterologie keine eigene
Facharztbezeichnung mehr geführt werden konnte, wurde von den Gastroentero-
logen mit Sorge gesehen.
19
Auf ihrer Mitgliederversammlung 1959 sprach sich die
DGVS einstimmig für die Wiedereinführung des Facharzttitels aus.
20
Hans Wil-
helm Bansi setzte sich in den darauf folgenden Jahren besonders im Sinne der
Gesellschaft in dieser Frage ein. Zu diesem Zweck gründete sich ein Spezialaus-
schuss in Hamburg, dem Vertrauensmänner aus den Reihen der DGVS angehör-
ten. Die Mitglieder dieses Ausschusses waren von der DGVS angewiesen, den Kon-
taktmitdenzuständigenLandesärztekammernzusuchen.
21
DieWiedereinführung
der Facharztbezeichnung war außerdem oberstes Ziel des Verbandes Deutscher
Gastroenterologen, der im Einvernehmen mit der DGVS 1956 gegründet wurde.
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Der erste Vorsitzende F. Matakas versuchte über die Bundesärztekammer und
über die EuropäischeVereinigung der Fachärzte, welche 1962 eine Sektion Gastro-
enterologie unter demVorsitz des Verbandes schuf, auf das Problem hinzuweisen
und eine Lösung zu finden.
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Zu dieser Zeit war die BRD das einzige Land inner-
halb der EWG, in dem die Fachgebietsbezeichnung nicht anerkannt war. Die Ent-
scheidung des Deutschen Ärztetages wurde unter dem Aspekt der bevorstehen-
den europäischen Harmonisierung mit demHinweis kritisiert, dass zukünftig der
bestehende Bedarf an Gastroenterologen von Ärzten aus den anderen EWG-Län-
dern gedeckt werden müsse.
24
Angesichts der anhaltenden Proteste verabschie-
dete der Ärztetag 1968 in Wiesbaden eine Muster-Weiterbildungsordnung, in
welcher das Teilgebiet unter dem neuen Namen »Gastroenterologie« wieder ein-
geführt wurde. Die Fachrichtung blieb Teil der Inneren Medizin, so konnte die Ge-
bietsbezeichnung erst nach erfolgter Weiterbildung in der Inneren Medizin er-
worben werden.
25
In den Universitätskliniken und großen städtischen Krankenhäusern etab-
lierte sich die Gastroenterologie/Hepatologie nach dem Zweiten Weltkrieg erst
20
DGVS Archiv: Protokoll über
die Mitgliederversammlung,
17.10.1959.
21
Mitteilungen des Verbandes
Deutscher Gastroenterologen. In:
Gastroenterologia 1962; 97: 62.
22
Ebd.; 1961; 96: 209.
23
Ebd.; 1962; 97: 61.
24
Matakas F. Worauf wartet
eigentlich noch die Bundesärzte-
kammer? In: Gastroenterologia
1963; 99: 211–212, auch ebd.
1962; 98: 399–404.
25
Knuth P. Situation der inter-
nistischen Weiterbildung in
Deutschland. In: Deutsche Medi-
zinische Wochenschrift 2000; 125:
734–737, 734.
26
Hornbostel H. In memoriam
Hans Heinrich Berg (1889–1968).
Münch Med Wochenschr 1969;
111: 2679–2681. Vgl. Martini GA.
Hans Heinrich Berg, 1889–1968.
Der Internist 1969; 10: 110–115.
27
Zur Berufung Bergs an die
Hamburger Universität vgl. van
den Bussche H, Hg. Medizinische
Wissenschaft im »Dritten Reich«.
Kontinuität, Anpassung und
Opposition an der Hamburger
Medizinischen Fakultät. Hambur-
ger Beiträge zur Wissenschaftsge-
schichte Band 5. Berlin/Hamburg
1989; 79–80.
28
Berg HH. Röntgenuntersuchun-
gen am Innenrelief des Verdau-
ungskanals. Leipzig 1930.
29
Prévôt R. In memoriam Hans
Heinrich Berg. Fortschr Röntgenstr
1969; 110: 762–764, hier 763. Vgl.
Vogt H. Die Röntgendiagnostik
der internen Medizin. Eine histo-
rische Studie. Der Internist 1972;
13: 218–223.
30
Boas I. Buchbesprechung: Hans
Heinrich Berg, Röntgenuntersu-
chungen am Innenrelief des Ver-
dauungskanals. Leipzig 1930. Arch
f Verdauungskr 1930; 47: 304.
1...,57,58,59,60,61,62,63,64,65,66 68,69,70,71,72,73,74,75,76,77,...180
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