100 Jahre DGVS - page 70

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Es waren besonders Bergs Verbindungen nach England, Nord- und Südamerika so-
wie nach Skandinavien, die der DGVS in den 1950er Jahren neue internationale Kontakte
ermöglichten. Berg wurde zu ausländischen Gastvorlesungen eingeladen und erhielt Eh-
rungenwie die SilvanusThompson-Medaille der englischen Röntgen-Gesellschaft
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in Lon-
don und 1958 die für einen Deutschen seltene Ehrenmitgliedschaft der American Gastroen-
terological Association (AGA), die zuletzt Ismar Boas 1910 und Bernhard Naunyn 1914
verliehen worden war.
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So unumstritten Bergs wissenschaftliche Leistungen sind, sein Engagement in den
Jahren 1933 bis 1945 ist dagegen nicht so eindeutig zu beurteilen. Mit Beginn des Zweiten
Weltkrieges wurde Berg »Beratender Internist derWehrmacht« imWehrkreis X einschließ-
lich großer Reservelazarette, Kriegsgefangenen- und Arbeitslager. Über das als geheim ein-
gestufte wehrmedizinische Forschungsprojekt über Unterernährung und Hungerödem
seines Mitarbeiters Heinrich Berning
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an schwerkranken, untergewichtigen sowjetischen
Kriegsgefangenen war Berg informiert.
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Einerseits formulierte Berg Empfehlungen für die
Verbesserung der katastrophalen Ernährungssituation der Kriegsgefangenen und Zwangs-
arbeiter mit hochwertigen Eiweißprodukten und gesteigerter Kalorienzahl sowie für eine
gerechte Verteilung der Nahrungsmittel.
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Andererseits bestanden von seiner Seite offen-
bar keine Einwände gegen jene Untersuchungen Bernings an wehrlosen Kriegsgefangenen,
die eine Verletzung ethischer Regeln bedeuteten. Der NSDAP ist Hans H. Berg nicht beige-
treten. Zwischen 1934 und 1938 war er förderndes Mitglied der SS ohne Rechte und Pflich-
ten. Nach 1945 wurde er als nicht belastet entnazifiziert.
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Als Vorsitzender leitete Hans H. Berg 1950 die erste Tagung der DGVS nach dem
Zweiten Weltkrieg und den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 1954.
Für sein wissenschaftliches Lebenswerk, seine Initiativen und organisatorischen Beiträge
auf dem Gebiet der Gastroenterologie gebührt Berg hohe Anerkennung. Aus heutiger Sicht
ist es allerdings unverständlich, dass er öffentlich keine Worte für das Schicksal der aus
Deutschland vertriebenen jüdischen Ärzte und Wissenschaftler fand und dass die Grenz-
überschreitungen während des Dritten Reiches von ihm nicht als solche erkannt wurden.
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