100 Jahre DGVS - page 71

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Kapitel 4
Norbert Henning
1896– 1985
Die Verbreitung der Endoskopie, seine frühe Forschung über morphologische Veränderun-
gen der Magenschleimhaut und seine vielfältigen Initiativen zur Positionierung der Gastro-
enterologie in Deutschland nach 1945 kennzeichnen das Lebenswerk Norbert Hennings.
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1929 – die Gastroskopie war noch weit davon entfernt, eine Routinemethode zu sein, die
radiologische Diagnostik des Magen-Darm-Traktes erlebte gerade ihren Aufschwung –
schrieb Henning: »Die noch junge röntgenologische Schleimhautdiagnostik der Gastritis
bedarf zu ihrerVertiefung der Ergänzung durch die Gastroskopie, der einzigenMethode, die
auch feinere Schleimhautveränderungen in vivo erkennen lässt«.
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Norbert Henning, 1896 geboren, nahm 18-jährig am Ersten Weltkrieg teil, studierte
ab 1918 Medizin in Leipzig, Göttingen und Freiburg, war kurzzeitig Assistenzarzt in Karlsru-
he, wechselte 1923 zu dem Infektiologen Ulrich Friedemann
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an das Städtische Rudolf-Vir-
chow-Krankenhaus in Berlin und war von 1927 bis 1936 in der Medizinischen Klinik der
Universität Leipzig bei Paul Morawitz tätig.
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Mit der Arbeit
Die Bakterienbesiedlung des ge-
sunden und kranken Magens
wurde er 1929 in Leipzig habilitiert.
1933 trat Henning der NSDAP bei und wurde Sturmbannarzt der SA.
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1934 erklärte
ihn der Rektor der Leipziger Universität wegen Unterstützung jüdischer Kollegen für poli-
tisch »unzuverlässig«, Henning wurde aus der NS-Dozentenschaft und aus der SA ausge-
schlossen. Ab 1936 leitete er die Medizinische Klinik am Stadtkrankenhaus Fürth. In den
Jahren bis 1945 näherte er sich in Fürth der dortigen NS-Elite an. Im Entnazifizierungsver-
fahren nach Kriegsende konnten ihm keine konkreten Verfehlungen nachgewiesen wer-
den.
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Nach dem Prozess nahm er seine Funktion im Stadtkrankenhaus Fürth wieder auf.
1949 wurde er Direktor der Medizinischen Poliklinik der Universität Würzburg und von
1953 bis 1966 war er Ordinarius für Innere Medizin und Leiter der Medizinischen Klinik in
Erlangen. Auf Henning geht die »Erlanger Schule« zurück, ein Zentrum endoskopischer
Forschung, die – zwischen 1966 und 1986 fortgeführt von seinem Schüler Ludwig Dem-
ling
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und dessenMitarbeitern – eineVielzahl weltweit bedeutsamer endoskopischer Inno-
vationen ermöglichte.
Henning
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wandte sich seit Ende der 1920er Jahre in der Leipziger Klinik der Gastro-
skopie zu, gewann rasch Expertise und stellte 1931 eine »Apparatur zur endoskopischen
Fotografie der Magenschleimhaut« vor.
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Rudolf Schindlers und Georg Wolfs Entwicklung
eines semiflexiblen Gastroskopes verfolgte er mit besonderem Interesse; frühzeitig erhielt
Henning einen Prototypen des neuen Gerätes, mit dem er praktische Erfahrungen sammel-
te.
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Er schlug Modifikationen des Instrumentes vor und beschäftigte sich mit den Limita-
tionen desselben; er war überzeugt, dass mit der Neuentwicklung »eine weitere Verbreitung
der Gastroskopie einsetzen wird
«.
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1935 erschien Hennings
Lehrbuch der Gastroskopie.
Neben der technischenWeiterentwicklung der Endoskope standen für Henning die
morphologischen Veränderungen der Magenschleimhaut, besonders die Frage nach dem
Substrat der Gastritis, imVordergrund. Gemeinsammit Richard Schatzki, damaliger Leiter
der Röntgenabteilung der Medizinischen Klinik von Morawitz, publizierte er 1933 über ein
Gastroskopisches und röntgenologisches Bild der Gastritis ulcerosa.
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Kurze Zeit später war
Schatzki wegen seiner jüdischen Herkunft zur Emigration in die USA gezwungen.
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Die
Summe seiner Gastritis-Forschung veröffentlichte Henning 1934 in der Monografie
Die
1...,61,62,63,64,65,66,67,68,69,70 72,73,74,75,76,77,78,79,80,81,...180
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