100 Jahre DGVS - page 75

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Kapitel 4
Mitglieder registriert. Seit Beginn der 1970er Jahre fanden jährliche Tagungen
statt, die Präsenz der Gesellschaft in der Fachwelt wurde gesteigert.
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Die Glasfasertechnik führte zum Routineeinsatz zunächst der Ösopha-
go-Gastro-Duodenoskopie einschließlich der Biopsie, seit Beginn der 1970er Jahre
gefolgt von ERCP und Koloskopie. Zusätzlich zur diagnostischen Endoskopie ent-
wickelten sich interventionelle Verfahren wie Polypektomie, Behandlung von
Ösophagusvarizen, endoskopische Blutstillung und Papillotomie einschließlich
Konkremententfernung aus den Gallengängen. Die Instrumentarien wurden ste-
tig mit einer großen Dynamik weiterentwickelt. Die Einführung dieser neuen en-
doskopischen Techniken gelang in Deutschland relativ früh und die wissenschaft-
lichenBeiträge zur klinischenAnwendung der Endoskopie aus deutschenKliniken
und Universitäten erreichten sehr rasch ein international hohes wissenschaftli-
ches Niveau. Diese Entwicklung stellte die DGVS allerdings auch vor große Her-
ausforderungen.
Beginn der Professionalisierung der DGVS
Ende der 1960er Jahre flammte in der Gastroenterologie eine Diskussion auf, wie
sie Ismar Boas amEnde des 19. Jahrhunderts auch für die Innere Medizin angesto-
ßen hatte. Ging es damals umdie Etablierung der Gastroenterologie als eigenstän-
dige Disziplin, so gab es nun darüber Auseinandersetzungen, inwieweit die Spezi-
algebiete der Gastroenterologie, die sich inzwischen herausgebildet hatten, als
eigenständige Disziplinen angesehen werden müssten. Für die DGVS bedeutete
dies, dass die Gesellschaft mit Emanzipationsbestrebungen verschiedener Teilge-
biete konfrontiert wurde. Den Ausgangspunkt bildete die Endoskopie. Schon lan-
ge galt sie für die Diagnose und Therapie von Verdauungs- und Stoffwechsel-
krankheiten als unverzichtbar, doch war das Verhältnis zwischen klinischen
Gastroenterologen und Endoskopikern keineswegs immer harmonisch. Immer
wieder gab es Spannungen, die sich in der Hauptsache auf einen klassischen Ge-
gensatz innerhalb der Medizin zurückführen ließen: So verstanden sich die Gas-
troenterologen als akademische Vertreter der Inneren Medizin, während sie die
manipulativen Techniken der Endoskopiker einer handwerklichen Tradition zu-
rechneten.
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Diese Spannungen ließen sich auch auf institutioneller Ebene nachvollzie-
hen. So organisierten sich die Endoskopiker zur besserenVerfolgung ihrer speziel-
▶ Hans Wilhelm Bansi war wäh-
rend des Krieges »Beratender
Internist« der Wehrmacht. Nach
1945 prägte er die westdeutsche
Gastroenterologie maßgeblich, er
war Schriftführer und Tagungs-
präsident der DGVS. Zudem setzte
er sich für die Wiedereinführung
der Facharztbezeichnung in den
1960er Jahren ein.
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Hagel KH. Personalbibliogra-
phie von Professoren und Dozen-
ten der Medizinischen Klinik und
Poliklinik der Universität Erlan-
gen-Nürnberg im ungefähren Zeit-
raum 1900–1965 [Dissertation].
Erlangen 1968;; 52–68, hier 68.
56
Heinkel K, Schmid E. Hen-
ning; 458.
57
Ebd.; 459.
58
Classen M, Henning H, Hg. 20
Jahre gastroenterologische Endos-
kopie 1967–1987. Gräfelfing
1990; 7–8.
59
Ottenjann R. Bericht über den
Weltkongress für Gastroentero-
logie vom 13. bis 19. Mai 1962 in
München. Ztschr Ernährungswis-
senschaft 1962; 3: 122–132.
60
Norpoth L. Norbert Henning
65 Jahre alt; 1358.
61
Henning N. Eröffnungsan-
sprache zur 18. Tagung, Bad
Homburg, 3.–5. Oktober 1955.
In: Classen M, Hg. Tagungen der
Deutschen Gesellschaft; 115–117,
hier 117.
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Zeitzeugengespräch Wolfgang
F. Caspary, 13.2.12013.
63
DGVS Archiv: Bestand Fusion
DGGE/DGVS.
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