100 Jahre DGVS - page 86

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◀◀ + ◀ Nach dem Krieg wurden
in West- und Ostdeutschland,
ganz nach der Tradition der DGVS,
die gastroenterologischen Gesell-
schaften weitergeführt, im Osten
zunächst in der Sektion Innere
Medizin der Gesellschaft für Kli-
nische Medizin der DDR. Hier
Beitragsmarken und eine Mitglie-
derkarte.
ten. Unter dem provozierenden Titel
Westkongresse – Waschanlagen für belastete
DDR-Mediziner
stellten Autoren wie Manfred Mörl und Julius Schoenemann den
vermeintlich unbedarften Umgang westdeutscher Medizinverbände mit Fachkol-
legen aus der ehemaligen DDR zur Diskussion. Sie vertraten die Meinung, dass
viele erfolgreiche Karrieren im SED-Staat nicht allein auf Sachverstand und Fleiß
basierten, sondern erst durch linientreue Gefolgschaft in Gang gekommen seien.
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In diesem Kontext wurde nach ethischen, moralischen und fachlichen Tabubrü-
chen gegenüber Kollegen und Patienten gefragt. Seit 1990 wurde versucht heraus-
zufinden, wer im SED-Staat Unrecht getan hatte oder wer durch die ungerechten
Verhältnisse begünstigt worden war. Fortan sollten nur fachliche Qualifikation
und persönliche Integrität die einzigen Voraussetzungen für Verantwortung in
Forschung und Lehre sein.
Die Nachkriegszeit bis zum Mauerbau – Allgemeine Entwicklung
Für die medizinische Forschung war die Aufteilung Deutschlands in vier Besat-
zungszonen zunächst eher theoretischer Natur. In der Praxis wurde die Zusam-
menarbeit – sofern diese im Chaos der direkten Nachkriegszeit überhaupt mög-
lich war – fortgesetzt. So wurden zahlreiche Fachartikel geschrieben und 1949
erschien die erste Nachkriegsausgabe der
Deutschen Zeitschrift für Verdauungs-
und Stoffwechselkrankheiten
. Ziel der Zeitschrift, so definierte es ihr Herausgeber
Max Bürger, blieb der Austausch neuester Erkenntnisse auf dem Gebiet der Ver-
dauungs- und Stoffwechselerkrankungen, die aus allen medizinischen Fachrich-
tungen gewonnen werden konnten. Zur Gründung 1938 und zur Vergangenheit
der Zeitschrift äußerte sich Bürger mit keinemWort. In einem Halbsatz erwähnte
er anschließend, dass man mit dem Sammelorgan »die oft künstlich gezogenen
Grenzen [...] zu überbrücken« beabsichtige.
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Die »Brücke« funktionierte tatsäch-
lich über die Sektorengrenzen hinweg, und auch nach der Gründung der DDR im
Oktober 1949 als zweiter deutscher Staat hielt der Austausch zwischen Ost und
West weiter an. Indessen spitzte sich die politische Lage zu, der Korea-Krieg und
der Konflikt um die Westintegration der Bundesrepublik offenbarten einen im-
mer tiefer werdenden Riss zwischen den beiden Teilen. Zahlreiche Bürgerinnen
und Bürger der DDR flohen zuerst über die Sektorengrenze, später über Berlin in
denWesten. Bis 1961 verließen etwa 7.500Ärztinnen undÄrzte das Gebiet der SBZ/
DDR, nahezu die Hälfte von ihnen nach 1954; in Relation zu den Fachleuten von
3
Mörl M, Schoenemann J, Theuer
D. Westkongresse – Waschanlagen
für belastete DDR-Mediziner? In:
Fortschritt der Medizin 1990: 108
(27); 18. Ferner: Bräutigam HH.
Waschanlagen für das Ansehen.
In: Die ZEIT, 12.10.1990.
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Bürger M. Geleitwort Oktober
1948. Deutsche Zeitschrift f Ver-
dauungs Stoffwechselkr 1949:
9 (1/2).
1...,76,77,78,79,80,81,82,83,84,85 87,88,89,90,91,92,93,94,95,96,...180
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