100 Jahre DGVS - page 88

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◀ 1965 gründete sich die Arbeits-
gemeinschaft für Gastroentero-
logie und Ernährung, die im Juni
1969 einen neuen Namen erhielt:
Gesellschaft für Gastroenterologie
der DDR. Martin Gülzow war der
erste Präsident der Gesellschaft.
1946 war das mehr als die Hälfte des ärztlichen Personals.
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Diese Abwanderung
führte zu einer weiteren Verschärfung der ohnehin schlechten Situation des Ge-
sundheitswesens. »Von den 137.000 Krankenhaus-Betten der Vorkriegszeit waren
in der Sowjetischen Besatzungszone nur noch 60.000 vorhanden [...], von den
6.500Ärzten Berlins waren noch etwa 2.500 tätig.«
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Die Situation in der Lehre war
ebenso dramatisch und wurde dadurch erschwert, dass im Zuge der Entnazifizie-
rungsverfahren bis 1948 medizinische Hochschullehrer suspendiert wurden; für
das Jahr 1947 betrug der Anteil der DDR-Medizin-Ordinarien mit Mitgliedschaften
in NS-Verbänden 37,6 Prozent, für 1952, nachdem zuvor freigestellteWissenschaft-
ler wieder eingestellt worden waren, 48,6 Prozent.
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Kompromisse bei der Entnazi-
fizierung durch Einzelfallentscheidungen undWiedereinstellungen sowie die An-
werbung auswärtiger Hochschullehrer milderten denMangel in gewissemMaße.
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Als am 13. August 1961 der Bau der Berliner Mauer begann, hatte das für die
in der DDR verbliebenen Wissenschaftler und Mediziner gravierende Folgen. Sie
wurden von der westlichen Hemisphäre isoliert, so dass Entwicklung undWeiter-
bildung imAustausch mit den Kollegen jenseits der Grenzen unmöglich wurden.
Gerade für junge, ambitionierte DDR-Mediziner, die sich bis dahin noch nicht eta-
bliert hatten, bedeutete die Schließung der Grenzen eine tiefe Zäsur. Viele von ih-
nen waren nicht gewillt, in die SED einzutreten und im Sinne des Einparteienstaa-
tes politisch zu agieren – in der Regel eine Voraussetzung für eine akademische
Karriere.
Das einstige verbindende Fachorgan, die
Deutsche Zeitschrift für Verdauungs-
und Stoffwechselkrankheiten
, blieb in der DDR, Verlag und Herausgeber waren in
Leipzig ansässig. Die westlichen Kollegen riefen eine eigene Fachzeitschrift ins
Leben und 1963 erschien in der Bundesrepublik die erste Ausgabe der
Zeitschrift
für Gastroenterologie
. In ihremVorwort betonte der Herausgeber Norbert Henning,
dass man »mit den Forschergruppen anderer Länder wieder in friedlichen Wett-
streit« treten wolle und »daß wir nicht mit irgendeinem anderen Blatt schädigend
konkurrieren [...]«.
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Fachgesellschaft
Die Forschung auf dem Gebiet der Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen
wurde in der jungen DDR
wesentlich
von Persönlichkeiten wie Gerhardt Katsch
(1887– 1961), der 1952 Präsident der gesamtdeutschen DGVS war, und dessen
5
Ernst AS. Die beste Prophylaxe
ist der Sozialismus; 54.
6
Schoenemann J. Chronik der
Gesellschaft für Gastroenterologie
der DDR. Stuttgart 2004; 3.
7
Ernst AS. Die beste Prophylaxe
ist der Sozialismus; 147.
8
Ernst AS. Die beste Prophylaxe
ist der Sozialismus; 148–170.
9
Henning, N. Zur Einführung.
Zeitschrift für Gastroenterologie
1963; 1: 4.
1...,78,79,80,81,82,83,84,85,86,87 89,90,91,92,93,94,95,96,97,98,...180
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