100 Jahre DGVS - page 93

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Kapitel 5
Institutionelle Qualitätsunterschiede ergaben sich zwischen den Univer-
sitätskliniken und den kleineren Krankenhäusern beziehungsweise den Poli-
kliniken; von dort mussten die Patienten wegen fehlender Diagnose- und Be-
handlungsmöglichkeiten oft an die Universitätskliniken überwiesen werden. Die
Ressourcenknappheit war
das Hauptproblem der DDR-Medizin. Aus diesem
Grund konnten moderne Verfahren wie die flexible Endoskopie im Vergleich zur
BRD erst später eingeführt werden. Praktisch mit allem musste sparsam umge-
gangen werden. Improvisation war in vielen Situationen notwendig.
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Reisefreiheit
Ebenfalls im Zuge der oben erwähnten III. Hochschulreform wurden die leiten-
den Stellen an den Instituten der Universitäten und im Gesundheitswesen mit
SED-Mitgliedern besetzt, die eine linientreue Leitung im Sinne des Staates garan-
tierten. Wer sich anpasste und die »Voraussetzungen« erfüllte, erhielt im Gegen-
zug Privilegien. Amwichtigsten waren die Reisen zu westdeutschen und interna-
tionalen Tagungen, von denen die Besucher mit einem Wissensvorsprung und
einem gewissem Bekanntheitsgrad zurückkehrten. Dieser »Klassenunterschied«
schuf Asymmetrien zwischen denWissenschaftlern: Wer nicht reiste, hatte keine
Reputation im Ausland und konnte so auch später nicht auf Kosten der Tagungs-
veranstalter eingeladen werden, was dem SED-Staat kostbare Devisen einsparte
und dem betreffendenWissenschaftler erneute Reisen ohne größereWiderstände
gestattete. Diejenigen, die bis 1990 den Status eines Reisekaders und damit bereits
Bekanntheitsgrad imAusland hatten, profitierten beruflich schneller und leichter
von der Wiedervereinigung Deutschlands als jene Kollegen, die diesen Vorteil
nicht genossen. Zum Reisekader kam, wer politische Mitarbeit leistete und durch
den Staatssicherheitsdienst eine positive Einschätzung erhielt.
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Gleichwohl bedeutete eine erteilte Reisegenehmigung für eine Tagung nicht
automatisch die Linientreue des jeweiligen Kandidaten. Die DDR-Delegationen zu
westdeutschen und ausländischen Tagungen setzten sich in der Regel aus einem
besonders zuverlässigen Delegationsleiter, einer Mehrzahl Linientreuer, aber
auch Ärzten mit größerer Distanz zum Regime zusammen.
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Eine engmaschige
Überwachung durch die Staatssicherheit war praktisch immer gewährleistet.
Mediziner als Stasi-Zuträger
Misstrauen und Unsicherheit prägten lange das Klima im Gesundheitswesen der
DDR. Teile des medizinischen Fachpersonals waren aktiv an den Bespitzelungsak-
tionen der Stasi beteiligt: Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bediente sich
seit den 1950er Jahren innerhalb der Ärzteschaft und des Pflegepersonals gezielt
Inoffizieller Mitarbeiter (»IM«) und weitete dieses Netzwerk in den folgenden
Jahrzehnten aus. 1974 verzeichnete die »Hauptabteilung XX« des MfS mehr als
2.000 Mitarbeiter im Gesundheitswesen; darunter befanden sich 852 Ärzte.
30
In-
wieweit Gastroenterologen in die Stasi-Mitarbeit eingebunden waren, ist bisher
nicht untersucht worden. Fest steht jedoch, dass die meisten »IM« in dem Fachge-
biet der Inneren Medizin tätig waren, wobei berücksichtigt werden muss, dass es
sich um die größte medizinische Fachgruppe handelte.
31
Das besondere Interesse
30
Weil F. Zielgruppe Ärzte-
schaft; 35.
31
Ebd.; 40f.
32
Ebd.; 44f.
33
Zeitzeugengespräch Harald
Goebell, 7.12.2012.
34
Ebd.
35
Vgl. Goebell, Eröffnungsrede
zur Tagung 1990.
36
Zeitzeugengespräch mit Julius
Schoenemann, 12.12.2012.
37
Schoenemann J. Chronik der
Gesellschaft für Gastroenterologie
der DDR; 32.
38
Zeitzeugengespräch mit Rüdi-
ger Nilius, 6.2.2013.
39
Ries W. Max Bürger
(1885–1966), Internist, Patho-
physiologe, Alternsforscher. In:
Sudhoffs Klassiker der Medizin.
NF 5. Leipzig 1985; 7–47. Vgl.
Domagk G. Nationalpreisträger
Prof. Dr. Max Bürger 70 Jahre.
Zum 16. November 1955. Wiss Z
Karl-Marx-Univ Leipzig. Math-na-
turwiss R 1954/55; 4: 415–416.
40
Bürger M, Brandt W. Über das
Glucagon (die hyperglykämisie-
rende Substanz des Pankreas).
Z exper Med 1935; 96: 375–397.
41
Berger E. Zur Sozialge-
schichte des Krankenhauses – wer
bürgt für die Kosten? 125 Jahre
Stadt-Krankenhaus Osnabrück,
180 Jahre Städtische Gesundheits-
politik. Bramsche 1990; 198–228,
bes. 222. Vgl. Bürger M. Der Kran-
kenhausneubau in Osnabrück.
Med. Welt 1931; 5: 1699–1700.
42
Forsbach R. Medizinische
Fakultät der Universität Bonn im
Dritten Reich. München 2006;
153.
43
Ries W. Max Bürger; 17.
1...,83,84,85,86,87,88,89,90,91,92 94,95,96,97,98,99,100,101,102,103,...180
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