100 Jahre DGVS - page 94

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◀ Im Jahr 2004 verfasste Julius
Schoenemann im Auftrag der DGVS
eine Chronik der Gesellschaft für
Gastroenterologie der DDR. In die-
ser kurzen aber sehr aufschlussrei-
chen Publikation stellt der Autor
die Entstehung und Entwicklung
der Gesellschaft sowie ihre Aktivi-
täten und Errungenschaften dar.
Er beleuchtet aber auch die entste-
hende Asymmetrie zwischen den
beiden deutschen Staaten kritisch.
des MfS, Ärzte als Informanten zu gewinnen, ergab sich aus deren Stellung. Gera-
de als Arzt konnte man aufgrund des besonderen Vertrauensverhältnisses zum
Patienten tiefen Einblick in dessen Privatleben erhalten.
Während das MfS zahlreiche Personen aus der Ärzteschaft und dem gesam-
ten Gesundheitswesen verpflichtete, flohen gut ausgebildete Mediziner in den
Westen. Ärzte und Wissenschaftler verließen die DDR hauptsächlich über Bot-
schaften und die Ständige Vertretung der BRD in Berlin oder kehrten von geneh-
migten Auslandsreisen nicht zurück. Deswegen »ging es der Staatssicherheit
hauptsächlich um die Unterbindung wissenschaftlicher sowie persönlicher Kon-
takte zwischen Ost undWest.« Republikflucht und Ausreisewilligkeit wurden die
Hauptthemen des MfS für die Ärzteschaft und spätestens ab Mitte der 1980er Jah-
re war das Netz der Inoffiziellen Mitarbeiter so eng geknüpft, dass es keine größe-
re Einrichtungen wie Universitäten und Krankenhäuser ohne »IM« gab.
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Neben den abgewanderten Medizinern, den aktiven SED-Mitgliedern sowie
den IM darf aber nicht vergessen werden, dass viele DDR-Bürger – unter ihnen
auch Ärzte – nicht mit den politischen Prinzipien des SED-Staates konform gin-
gen, sich, soweit es eben ging, distanzierten und versuchten, sich mit der Situati-
on zu arrangieren.
Wiedervereinigung und erste gesamtdeutsche Tagung 1990
Im Zuge derWiedervereinigung Deutschlands kam es zu mehreren Treffen beider
deutscher Fachgesellschaften, in deren Folge die Gesellschaft für Gastroenterolo-
gie der DDR Ende 1990 aufgelöst und ihren Mitgliedern der Beitritt zur DGVS emp-
fohlen wurde. Auf der ersten gesamtdeutschen Tagung im Oktober 1990 in Essen
konnte die DGVS schließlich fast 300 Besucher aus den Neuen Bundesländern be-
grüßen.
Die Zusammenführung beider Fachgesellschaften wird von den Beteiligten
bis heute als großartig und im Wesentlichen als ein schönes Ereignis erinnert.
Doch während die Hochschulen ihr Personal begutachteten und es in Einzelfällen
vor sogenannte Ehrenkommissionen treten ließen, um sich gegebenenfalls von
Mitarbeitern und auch Ordinarien zu trennen, blieb eineAufarbeitung in der DGVS
– also eine Überprüfung hinsichtlichVerwicklungen einzelner neuer Mitglieder in
das DDR-Regime – aus. Die Kollegen aus der DDR wurden uneingeschränkt als ein
Gewinn für die Fachgesellschaft angesehen und integrierten sich schnell.
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Der
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Karl Matthes wurde 1945
Direktor der Medizinischen Uni-
versitätsklinik Erlangen und war
von 1952–1962 Ärztlicher Direk-
tor der Medizinischen Klinik der
Universität Heidelberg. Vgl. Wor-
mer Ej. Matthes, Karl. In: Neue
Deutsche Biographie 1990. Band
16. 400–401. Matthes hatte 1935
unter P. Morawitz in Leipzig als
erster das Messprinzip der Sauer-
stoffsättigung (Pulsoxymetrie)
beschrieben.
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Ries W. Max Bürger; 29. Vgl.
Matthes K. Moderne Methoden
der Kreislaufforschung. In: Wiss Z
Karl-Marx-Univ. Leipzig. Mathna-
turwis. R 1954/55; 4: 525–529,
hier 525.
46
Siede W, Meding G. Zur
Ätiologie der Hepatitis epide-
mica. Klin Wochenschr 1941; 20:
1065–1067. Vgl. Siede W. Hepati-
tis epiudemica. Leipzig 1951.
47
Vgl. Verh Ges Verd Stoffwech-
selkr zum Teil gemeinsam mit der
Internationalen und Deutschen
Sportärzteschaft. XIII. Tagung in
Berlin (28. und 29. Juli 1936).
Leipzig 1937.
48
Matthes K, Schlaudraff K. Über
das Verhalten des systolischen
Blutdrucks beim Menschen im
akuten Sauerstoffmangel. Luft-
fahrtmedizin 1943; 8: 161–170.
Matthes K. Untersuchungen über
das Wirkungsbild gefäßaktiver
Pharmaka beim Menschen. Nau-
nyn-Schmiedebergs Arch exper
Path Pharm 1944; 203: 194–205.
49
Ries W. Max Bürger; 29.
50
Thom A. Max Bürger - Bewäh-
rung in konfliktgeladener Zeit.
Z gesamte Inn Med 1986; 41:
555–558.
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