100 Jahre DGVS - page 95

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Kapitel 5
damalige Vorstand sah es nicht als Aufgabe der DGVS an, die Mitglieder der Gesell-
schaft für Gastroenterologie der DDR auf ihre Vergangenheit hin zu überprüfen.
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Die Funktion eines »Richters« könne und dürfe die DGVS nicht übernehmen, so
die Überzeugung des Tagungspräsidenten Harald Goebell im Jahr 1990.
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Aller-
dings ergaben sich Diskussionen um mögliche individuelle politische Verwick-
lungen in den SED-Staat oder auch über eine zu groß Nähe zur Staatspartei. Zu
gleicher Zeit wurden an den Universitäten »Ehren-« und »Rehabilitierungskom-
missionen« ins Leben gerufen, die darüber entschieden, ob Mitarbeiter aus politi-
schen Gründen ihren Arbeitsplatz räumen mussten, wobei die SED-Parteimit-
gliedschaft ein entscheidendes Kriterium war. Inwieweit dieses Kriterium
sinnvoll und ausreichend war, bleibt zu diskutieren. Trotz allemMisstrauen muss
erwähnt werden, dass es keinen systematischen Missbrauch von Patienten in der
DDR gegeben hat; vielmehr hat sich die große Mehrheit der Mediziner trotz aller
Ressourcenknappheit für bestmögliche Problemlösungen eingesetzt. Die tagesak-
tuelle Diskussion darüber, inwieweit klinische Arzneimittelprüfungen in der DDR,
die imAuftrag westlicher Pharmaunternehmen durchgeführt wurden, den dama-
ligen oder heutigen ethischen Standards entsprachen und inwelchemUmfang sie
die Gastroenterologie betrafen, ist noch nicht abgeschlossen.
Als rund 300 Kollegen aus der DDR 1990 zum Kongress nach Essen eingela-
den wurden, fanden Rundtischgespräche bezüglich der Zukunft der Gesellschaf-
ten statt. Da unter den Gesprächspartnern aus der DDR SED-Funktionäre, gar
MfS-Mitarbeiter vermutet wurden, kam es zum Eklat: Eine Gruppe aus der DDR in
den Westen geflohener Gastroenterologen protestierte öffentlich und drohte mit
demAustritt aus der DGVS.
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Diese Drohung wurde allerdings nicht in die Tat um-
gesetzt, da die »so belasteten dem Kongress [in der Mehrzahl] fernblieben und
anschließend auch keinerlei Funktionen in der DGVS ausübten.«
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Von Seiten der
Vorstände der ehemaligen Gesellschaft der DDR konnte diese Reaktion nicht
nachvollzogen werden, sondern wurde vielmehr als eine Kampagne gegen einzel-
ne Funktionäre der ehemaligen Gesellschaft für Gastroenterologie der DDR ver-
standen.
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Heute, 23 Jahre nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Gesell-
schaften für Gastroenterologie, ist diese Episode nahezu vergessen. Die Integrati-
on der Gastroenterologen aus der früheren DDR unter dem Dach der DGVS verlief
seit 1990 erfolgreich.
51
Gerhardt Katsch. In: Ewert R,
Ewert G, Lerch MM. Geschichte
der Inneren Medizin an der
Universität Greifswald. 2. bear-
beitete Aufl. Greifswald 2009;
87–107. Vgl. auch Alvermann D,
Garbe I, Herling M, Hg. Gerhardt
Katsch. Greifswalder Tagebuch
1946–1947. Kiel 2007; 29–49.
52
Ewert G, Ewert R. Gerhardt
Katsch. Tagebuchaufzeichnungen
1914 und 1949, Biographische
Skizzen. Greifswald 2008; 22.
53
Katsch G. Garzer Thesen, Zur
Ernährungsführung der Zucker-
kranken. Klin. Wochenschr 1937;
16: 399–403.
54
Alle Angaben nach Alvermann
D, Garbe I, Herling M, Hg. Ger-
hardt Katsch; 37–39.
55
Ebd.; 36/37.
56
BArch-MA RH 12–23/247 und
RH 12–23/70.
57
BArch-MA RH 12–23/256.
(Schreiben G. Katsch an K. Gut-
zeit, den Beratenden Internisten
bei der Heeressanitätsinspektion
in Berlin vom 26. März 1940).
58
BArch-MA RH 12–23/286 und
RH 12–23/221 und 1837.
59
Alvermann D, Garbe I, Herling
M; 42/43.
60
Garbe I. Die Staatsmacht und
das Recht der Gnade. Zeitge-
schichte regional, Mitteilungen
aus Mecklenburg-Vorpommern
2003; 7 (2): 56–62.
1...,85,86,87,88,89,90,91,92,93,94 96,97,98,99,100,101,102,103,104,105,...180
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