100 Jahre DGVS - page 96

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Max Bürger
1885–1966
In der Biografie Max Bürgers spiegeln sich, wie in jenen von Gerhardt Katsch und Hans
Heinrich Berg, exemplarisch die zeitgeschichtlichen Ereignisse zwischen 1885 und den
1960er Jahren wider: Alle drei Gastroenterologen hatten sich in drei grundsätzlich unter-
schiedlichen politischen Systemen zu orientieren und waren mit vielfältigen Entscheidun-
gen bezüglich ihres jeweiligen Verhaltens und ihrer Anpassungsmöglichkeiten konfron-
tiert.
Bürger
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hatte sein Medizinstudium imWilhelminischen Kaiserreich in Würzburg,
Kiel, Berlin und München absolviert und trat 1911 seine erste Assistentenstelle in der Medi-
zinischen Klinik des Städtischen Krankenhauses Hamburg-Altona bei dem Stoffwechsel-
forscher Friedrich Umber an. Nach vorübergehender Tätigkeit in den Instituten für Bakte-
riologieundPhysiologieinStraßburgwechselteBürgerimSommer1914andieMedizinische
Universitätsklinik in Königsberg zu Alfred Schittenhelm, dem er nach dem Ersten Welt-
krieg nach Kiel folgte. Während des Krieges beschäftigte sich Bürger als Truppenarzt mit
ernährungsphysiologischen Fragen, definierte den Eiweißmangel als Ursache des Hunger-
ödems und wurde 1918 in Kiel mit der Arbeit
Epidemisches Oedem und Enterokolitis
habilitiert. SeineArbeitsgebiete bezogen sich auf Stoffwechselkrankheiten, Ernährungsstö-
rungen, die Osmotherapie, den Muskelstoffwechsel sowie auf sportphysiologische Untersu-
chungen. Er gehörte zu jener Gruppe von Wissenschaftlern, die als Gegenspieler des
Insulins eine »hyperglykämische Substanz« – das Glucagon – beschrieben.
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1924 veröf-
fentlichte er erstmals die
Pathologisch-physiologische Propädeutik
, die er 1936 erweitert als
Einführung in die Pathologische Physiologie
herausgab.
1929 übernahm Bürger die Ärztliche Leitung der Medizinischen Klinik am Stadt-
krankenhaus Osnabrück, setzte zahlreiche Innovationen durch, beeinflusste wesentlich
die Gestaltung des Klinikneubaus und etablierte eine zur damaligen Zeit moderne Aufnah-
mestation.
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1931 erfolgte seine Berufung als Ärztlicher Leiter der Medizinischen Universi-
täts-Poliklinik Bonn. 1937 wurde Bürger als Nachfolger von Paul Morawitz Ordinarius für
Innere Medizin und Ärztlicher Direktor der großen Medizinischen Universitätsklinik Leip-
zig. Den Nationalsozialisten stand er zunächst mit Distanz und Vorbehalten gegenüber; so
duldete er in Bonn keine Hakenkreuzfahne auf dem Dach seiner Klinik.
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Offensichtlich im
Zusammenhang mit der Berufung nach Leipzig beantragte Bürger jedoch im Sommer 1937
die Aufnahme in die NSDAP.
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Dies hinderte ihn nicht, in seiner einflussreichen Leipziger
Position seinen Schüler Karl Matthes
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gegen rassistische Anfeindungen zu schützen.
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Untersuchungen zur Stoffwechselphysiologie und -pathologie, besonders zum Ei-
weiß- und Kohlenhydratstoffwechsel, zur Kreislaufregulation und zunehmend Untersu-
chungen zu Problemen der Gerontologie bestimmten die Beiträge Bürgers. Sein Mitarbeiter
Werner Siede widmete sich nach einer 1938 im Erzgebirge ausgebrochenen Gelbsuchtepi-
demie konsequent der Hepatitis-Forschung, beschrieb die Hepatitis epidemica als nosolo-
gische Einheit und vertrat frühzeitig das Konzept der Virusätiologie.
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Bürger war im Juli 1936 Vorsitzender der 13. Tagung der Gesellschaft für Verdau-
ungs- und Stoffwechselkrankheiten in Berlin, die im Zusammenhang mit den Olympi-
schen Spielen gemeinsam mit Sportärzten stattfand und bei der Fragen des Stoffwechsels
die Thematik dominierten.
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Während des Zweiten Weltkriegs wurden an der Leipziger
1...,86,87,88,89,90,91,92,93,94,95 97,98,99,100,101,102,103,104,105,106,...180
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