100 Jahre Kongress - DGVS - page 10

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Ismar Boas
Berlin
* 1858 in Exin/Kcynia, † 1938 in Wien
2. Tagung
Bad Homburg v .d. H., 24. – 26. September 1920
Ismar Boas, aus einer jüdischen Familie in der früheren Provinz Posen stammend, ließ sich un-
mittelbar nach seinem Studium 1882 als praktischer Arzt in Berlin nieder. Der Verzicht auf eine
Klinikausbildung war seiner materiellen Situation geschuldet. Bereits während des Studiums in-
teressierte sich Boas – angeregt durch die Vorlesungen Carl Anton Ewalds in Berlin – für die
Physiologie und Pathologie der Verdauung. 1882 nahm er den Kontakt zu Ewald wieder auf und
wurde dessen Mitarbeiter.
Neben seiner ärztlichen Tätigkeit eignete sich Boas in Kursen die neuen chemischen und bakte-
riologischen Methoden an, bildete sich in den Grundlagenfächern fort und betrieb ein umfassen-
des Literaturstudium. Zudem sammelte er als „Privatsekretär“ Ewalds Erfahrungen im Beurteilen
medizinischer Fachartikel für die Berliner Klinische Wochenschrift. Frühzeitig konzentrierte er
sich auf die Erforschung der Verdauungskrankheiten. Die Spezialisierung auf das neue Teilgebiet
der Inneren Medizin war für ihn der einzige Weg, um ein hohes wissenschaftliches Niveau zu
erreichen. Er antizipierte damit eine Entwicklung, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts durch
den umwälzenden Zuwachs an Wissen vollzog und zur Differenzierung der Wissenschaften führte.
1886 eröffnete Boas eine Spezialpraxis in der Berliner Friedrichstraße sowie die erste Poliklinik
für Magen- und Verdauungskrankheiten mit angeschlossenem Labor. Mit dieser „Aktion“ – von
den damaligen Autoritäten der Inneren Medizin mit kritischer Distanz und Ablehnung begleitet
– begründete Ismar Boas das Fach Gastroenterologie weltweit. Er bot in Berlin spezielle Fortbil-
dungskurse für das neue Fachgebiet an, die nationale und internationale Beachtung fanden. Boas’
Bestreben war die wissenschaftliche und organisatorische Weiterentwicklung seines Faches, für
die er sich mit Beharrlichkeit einsetzte.
1895 begründete er das Archiv für Verdauungskrankheiten unter Einschluß der Stoffwechselpa-
thologie und Diätetik, das rasch führendes Fachorgan der Gastroenterologie wurde. Lange Zeit
wünschte sich Boas eine Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, die zunächst
wegen der Zurückhaltung führender Vertreter der Inneren Medizin nicht realisiert werden konnte.
1907 wurde Boas in Berlin Titularprofessor. 1910 ehrte ihn die AGA mit der Ehrenmitgliedschaft.
Wegen seiner jüdischen Herkunft musste Boas 1933 die Schriftleitung des Archivs niederlegen.
1936 emigrierte er nach Wien, im März 1938 nahm er sich nach dem Einmarsch der Deutschen
Wehrmacht das Leben. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weis-
sensee. Seine Ehefrau Sophie, geb. Asch, flüchtete 1938 nach Holland; 1943 wurde sie im Lager
Westerbork inhaftiert. Rettungsversuche durch den Utrechter Ordinarius für Innere Medizin, Cor-
nelis D. de Langen, waren vergeblich. Sophie Boas wurde im März 1943 nach Sobibor deportiert
und ermordet.
Vita
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