100 Jahre Kongress - DGVS - page 21

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1933 - Die ausgefallene 12. Tagung und der
Vorstand der Gesellschaft
Geplante 12. Tagung (Vorsitz Hermann Strauß)
Berlin, September 1933
„Der Vorsitzende teilt mit, dass am 29. 4. 1933 Vorstand und Ausschuss ihre Ämter niederge-
legt und die Wahrnehmung der Interessen der Gesellschaft dem stellvertretenden Vorsitzenden
Prof. Hegler und dem bisherigen Generalsekretär Prof. von den Velden übertragen haben. Allen
Mitgliedern war zur Kenntnis gebracht worden, dass die für Herbst 1933 vorgesehene Tagung
der Gesellschaft auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im Anschluß an
die Frühjahrstagung in Wiesbaden 1934 stattfinden würde
“.
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Diese dürren Worte Carl Heglers
umschreiben die tiefgehende Zäsur, die im April 1933 die Gesellschaft traf. Sie war Folge der
Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Ärzte durch die NS-Herrschaft und der „Gleich-
schaltung“ auch der wissenschaftlichen Fachgesellschaften.
Etwa ein Viertel der Mitglieder im Jahre 1932 war jüdischer Herkunft. Sie wurden aus dem
Mitgliederverzeichnis gestrichen. 1938 war der Mitgliederstand mit 215 gegenüber 1932 um
nahezu 50% reduziert.
Fünf (Boas, Rosenfeld, Biedl, Hijmans van den Bergh, Korányi) der elf Vorsitzenden zwischen
1914 und 1933 waren jüdische Ärzte und Wissenschaftler. Vier des im Frühjahr 1933 amtie-
renden sechsköpfigen Vorstandes, Hermann Strauß, Paul Wolff, Ferdinand Blumenthal und
Otto Porges, wurden gezwungen zurückzutreten. Reinhard von den Velden konnte bis 1936 in
seiner Funktion verbleiben. Der beratende Ausschuss der Gesellschaft bestand aus 20 Mit-
gliedern, zu denen Leopold Lichtwitz, Paul F. Richter, Georg Rosenfeld, Heinrich Schur und
Walter Zweig zählten. Ein neuer Ausschuss wurde zwischen 1933 und 1945 nicht mehr be-
rufen.
Hermann Strauß
(geb. 1868 in Heilbronn, gest. 1944 im Ghetto Theresienstadt) war seit 1910
Ärztlicher Leiter der Abteilung Innere Medizin am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Er hatte
sich bei Carl Anton Ewald, Franz Riegel und bei Hermann Senator an der III. Medizinischen
Universitätsklinik der Charité ambitioniert zum Internisten ausgebildet. Die Reststickstoff-Be-
stimmung zur Nierenfunktionsprüfung, die kochsalzarme Diät als Therapie und die Konstruk-
tion der „Strauß-Kanüle“ zur einfachen venösen Blutentnahme gehen auf ihn zurück. 1897
habilitiert wurde Strauß 1902 zum a.o. Professor der Berliner Universität ernannt. Seit 1900
widmete er sich zunehmend den Verdauungskrankheiten: Er führte die Laevulose-Probe
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als
Leberfunktionstest ein, die er mit dem späteren Immunologen Hans Sachs erarbeitet hatte
und entwickelte gemeinsam mit Georg Wolf jenes Recto-Sigmoidoskop
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, das über mehr als
sieben Jahrzehnte Standardinstrument war. Strauß befasste sich zudem eingehend mit den
Erkrankungen von Rectum und Sigma.
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Er wurde im Juli 1942 aus Berlin in das Ghetto The-
resienstadt deportiert und starb dort am 17. Oktober 1944.
Seit 1925 war
Reinhard von den Velden
(geb. 1880 in Strassburg, gest. 1941 in Buenos Aires)
Generalsekretär der Gesellschaft. Er wurde 1907 in Marburg für Innere Medizin und expe-
1 Vhlg Gesell Verdauungs Stoffwechselkr, XII. Tagung in Wiesbaden 1934. Leipzig 1934, 11.
2 Strauß H. Zur Funktionsprüfung der Leber. Dtsch Med Wochenschr 1901; 27: 757-9 und 786-7.
3 Die Procto – Sigmoskopie und ihre Bedeutung für die Diagnostik und Therapie der Krankheiten des Rektum und des
Sigmoideum. Leipzig 1910.
4 Strauß H. Erkrankungen des Rectum und Sigmoideum. Pathologie, Diagnostik, Verlauf und klinische Therapie. Berlin 1922.
StrauSS
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