100 Jahre Kongress - DGVS - page 27

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Durch seine Berliner Tätigkeit seit 1927 waren ihm die führenden Gastroenterologen jener
Zeit bekannt. Die später zur Emigration gezwungenen Richard Schatzki und Alice Ettinger wa-
ren zeitweise Bergs Mitarbeiter. Umso unverständlicher erscheint es aus heutiger Sicht, dass
Berg in seiner Eröffnungsrede zur 15. Tagung keine Worte der Erinnerung, einer Würdigung
oder des Bedauerns für die vielen vertriebenen jüdischen Gastroenterologen fand. Er sprach
von einem Jahrzehnt, das für die Gesellschaft „durch düstere und schmerzliche Ereignisse
angefüllt“ war. Selbst Ismar Boas’ Schicksal und Tod wurden von Berg nicht erwähnt, obwohl
der von Max Einhorn verfasste Nachruf für Boas 1938 im Archiv für Verdauungskrankheiten
publiziert worden war.
Die Fachgesellschaft wurde in den 1950er und 1960er Jahren wesentlich von einer Mediziner-
Generation repräsentiert, die zwischen 1887 und 1900 geboren war und drei politische Sy-
stemwechsel sowie den Ersten und Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Sie hatten entweder seit
den späten 1920er Jahren oder in der Zeit des Nationalsozialismus Leitungspositionen er-
halten. Seit 1939 waren Berg, Katsch, Beckmann, Kalk, Bansi und Mark Beratende Internisten
der Deutschen Wehrmacht. Die Zeit zwischen 1933 und 1945 wurde in der Fachgesellschaft
beschwiegen oder mit Apologie übergangen. Die Grenzüberschreitungen, z. B. die Hepatitis
epidemica-Versuche an jüdischen Kindern im KZ Sachsenhausen, die „vergleichende Thera-
pie“ Kurt Gutzeits, die „Ernährungsforschung“ zwischen 1939 und 1945 oder die Rolle Hans
Eppingers bei den Meerwassertrinkversuchen, wurden nicht thematisiert.
Hans Wilhelm Bansi wurde 1950 ständiger Schriftführer der DGVS. 1957 übernahm Gustav
Adolf Martini diese Funktion. Martini, 1916 geboren, stand in der Gesellschaft für eine neue
Generation, die während oder nach dem Ersten Weltkrieg geboren war.
Die DGVS wurde im Januar 1952 erstmals beim Amtsgericht Hamburg ins Vereinsregister (VR
4858 ) eingetragen. Als Publikationsorgan der DGVS fungierte zunächst die von Max Bürger
in Leipzig 1949 neu herausgegebene Deutsche Zeitschrift für Verdauungs- und Stoffwech-
selkrankheiten. Problematisch für die Gesellschaft war, dass der Facharzt für Magen-Darm-
Krankheiten 1949 durch einen Beschluss des Ärztetages abgeschafft wurde. Die Bemühun-
gen um dessen Wiedereinführung bestimmten bis in die späten 1960er Jahre viele Aktivitäten
der DGVS ebenso wie die Bestrebungen um eine verbesserte Ausbildung und die Etablierung
eigenständiger Abteilungen für Gastroenterologie und Hepatologie an den Universitätsklini-
ken und großen Stadtkrankenhäusern.
Ausgewählte
Publikationen
Die direkten Röntgensymptome des Ulcus duodeni und ihre klinische Bedeutung, in: Ergebnisse der medizinischen Strahlen-
forschung, Band II, Leipzig 1926, 251-345.
Schleimhautrelief und Gastritis. Vhdlg Gesell Verdauungs Stoffwechselkr VI. Tagung (Berlin), Leipzig 1927, 105-7.
Reliefbilder des Darmkanals. Vhdlg Gesell Verdauungs Stoffwechselkr VII. Tagung (Wien), Leipzig 1928, 219-20.
Röntgenuntersuchungen am Innenrelief des Verdauungskanals. Ein Beitrag zur Klinischen Röntgendiagnostik insbesondere
von Entzündung, Geschwür und Krebs. Leipzig 1930..
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