100 Jahre Kongress - DGVS - page 7

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Vorwort
Am Freitag, den 24. April 1914, vormittags 9h
eröffnete der erste Vorsitzende Carl Anton
Ewald im Kursaal von Bad Homburg die
Erste Tagung über Verdauungs- und Stoffwechsel-
krankheiten
und damit den ersten Spezialkongress für Gastroenterologie in Deutschland.
Das 100-jährige Jubiläum der Jahrestagungen ist für die DGVS Anlass, mit biographi-
schen Skizzen an die bisherigen Kongresspräsidenten und Vorsitzenden der Gesellschaft
zu erinnern und deren Wirken zu würdigen.
Ismar Boas hatte schon Jahre zuvor einen Kongress angestrebt,
„bei dem die wichtigsten
Themen der Verdauungs- und Stoffwechselpathologie in Form von Referaten und Diskus-
sionen behandelt werden sollten“
. Sein Mentor Ewald, obwohl er selbst Wegbereiter der
Gastroenterologie war, sah jedoch die Einheit der Inneren Medizin gefährdet und lehn-
te sowohl die neue Spezialdisziplin als auch einen entsprechenden Spezialkongress ab.
Nach vermittelnden Gesprächen und nachdem ihn Boas geschickterweise zum Grün-
dungspräsidenten designiert hatte, übernahm er schließlich den Vorsitz und revidierte in
seiner Eröffnungsansprache seine frühere Haltung. Der Kongress 1914 war erfolgreich
und stieß auf großes Interesse. Wenige Monate später brach der Erste Weltkrieg aus, und
erst 1920 konnte die zweite Tagung stattfinden. Der eigentliche Initiator der Gesellschaft
und in diesem Jahr Vorsitzende, Ismar Boas, skizzierte in einer programmatischen Rede
die Grundidee der Fachgesellschaft: hohes wissenschaftliches Niveau, Interdisziplinari-
tät und internationaler Austausch. Letzteres war im Hinblick auf die Restriktionen des
Versailler Vertrages, die den wissenschaftlichen Austausch für Deutsche Wissenschaftler
extrem erschwerten, ein wichtiges Anliegen. Die enge Kooperation mit den Grundlagen-
wissenschaftlern und den Partnerdisziplinen, besonders den Chirurgen, war für Boas ein
selbstverständlicher und ausdrücklicher Wunsch. Die Gesellschaft verstand sich in ihrer
Zielsetzung im besten Sinne als international. Zahlreiche ausländische Forscher, Kliniker
und Praktiker zählten in den folgenden Jahren zu den Kongressteilnehmern und zu den
Mitgliedern der Gesellschaft, und als Kongressorte wurden nicht zufällig Wien, Budapest
und Amsterdam ausgewählt. Den Zusatz „Deutsch“ erhielt die Gesellschaft erst
nach
der
14. Tagung 1938.
Das Jahr 1933 und die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bedeutete für die
Kongresstradition und für die Fachgesellschaft eine tiefe Zäsur. Im April 1933 mussten
vier der sechs Vorstandsmitglieder wegen ihrer jüdischen Herkunft ihre Ämter niederle-
gen, der geplante Kongress 1933 fiel aus. Die Erinnerung an Hermann Strauß, Ferdinand
Blumenthal, Otto Porges, Paul O. Wolff und an den langjährigen Generalsekretär Reinhard
von den Velden steht stellvertretend für die vielen jüdischen Mediziner, die 1933 aus der
Gesellschaft und von der Teilnahme an den Kongressen ausgeschlossen wurden.
Die 15. Jahrestagung 1950 war die erste Tagung nach dem Ende des Zweiten Weltkrie-
ges. Sie stellte Neuanfang und Kontinuität zugleich dar. In den Eröffnungsansprachen der
Kongresspräsidenten spiegeln sich die Themen jener Zeit wider: Erneute Wiederherstel-
lung der internationalen Kontakte, Wiedereinführung des 1949 abgeschafften Facharztes
für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, Fragen der Forschungsorganisation und
der Ausbildung sowie die Etablierung von Kliniken für Gastroenterologie und Hepatologie
an den Universitäten und großen Stadtkrankenhäusern.
Der Mauerbau 1961 beendete für die Mitglieder der DGVS aus der DDR die Teilnahme-
möglichkeit an den Jahrestagungen. Notgedrungen entstanden in der DDR eigene Kon-
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