Tipps zur Gesundheitsprävention 2017

Umgang mit Formalin und Reinigungsmitteln in der Endoskopie

In Deutschland arbeiten noch zahlreiche Endoskopie-Abteilungen in Klinik und Praxis mit offenen Formalin-Behältern, die für Probeentnahmen zur Histologie verwendet werden. Teilweise handelt es sich dabei sogar um größere Gefäße oder Wannen, die mit flüchtiger, teilweise bis zu 4%-iger Formalin-Lösung (Formaldehyd) gefüllt sind.

Formaldehyd ist ein farbloses, stechend durchdringend riechendes Gas, welches bis 2015 im Verdacht stand krebserregend zu wirken. Aufgrund entsprechender Studien ist die krebserzeugende Wirkung von Formaldehyd bei Aufnahme über die Atemluft als hinreichend belegt, so dass dieses Gas rechtsverbindlich seit dem 1. April 2015 als „wahrscheinlich karzinogen beim Menschen“ eingestuft ist (Karzinogenität der Kategorie 1B im gefahrstoffrechtlichen Sinne; vgl. Anhang VI der Verordnung 2008/1272/EG über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen). Neben der kanzerogenen Wirkung ist Formaldehyd insbesondere neurotoxisch, gefährlich für die Atemwege und die Augen. Zu weiteren Details darf dazu auf die einschlägigen Publikationen verwiesen werden.

Zur Gesundheitsprävention an Arbeitsplätzen sieht das deutsche Recht (vgl. Gefahrstoffverordnung) vor, dass der Arbeitgeber Gefährdungen der Gesundheit und der Sicherheit der Beschäftigten bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen auszuschließen hat. Ist dies nicht möglich, hat er sie auf ein Minimum zu reduzieren. Die Praxis steht in Deutschland jedoch in krassem Widerspruch dazu, denn vielfach werden Töpfchen unbeabsichtigt auch über längere Zeiträume in der Endoskopie geöffnet gelassen, fallen „im Eifer des Gefechts“ um, tropfen auf Flächen, Böden etc. und werden teils in großen Wannen vorgehalten, um auch größere ESD-Präparate gleich fixieren zu können. Diese Praxis impliziert jedoch – zumindest auf Dauer – aufgrund der Flüchtigkeit / Volatilität des Gefahrstoffs ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für alle Mitarbeiter, weshalb z.B. in Skandinavien derartige Gefäße / Töpfchen gar nicht mehr benutzt werden dürfen. In Deutschland wird der Arbeitsschutz regional unterschiedlich stark kontrolliert, obgleich die Gefahrstoff-Einschätzung sich kaum von den skandinavischen Vorgaben unterscheidet. In vielen Abteilungen / Praxen existieren keine passenden Luftfilter-Anlagen bzw. Abzugshauben, die einen effektiven Schutz darstellen könnten.

Zudem werden bei der Gerätereinigung weitere potenzielle Gefahrstoffe benutzt, die das Personal im Endoskopie-Team bei dauerhafter Exposition gesundheitlich gefährden können.

Aus diesen Gründen hat die Sektion Endoskopie der DGVS am 13.09.2017 in Dresden getagt, wobei dieses wichtige Thema erörtert wurde. Angeregt wurde dabei eine Informations-Weitergabe, um möglicht viele Kolleginnen / Kollegen über dieses Problem zu informieren. Die folgenden Kurz-Tabellen sollen Ihnen daher eine Hilfe sein, die Sie ggf. in der Praxis anwenden und ggf. praktisch einsetzen können.

Wichtige Maßnahmen zur Schadens-Prävention

  • Bildung eines individuellen Arbeits-Sicherheits-Zirkels, z.B. bestehend aus ärztlichen Endoskopikern, Teamleitung, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Betriebsarzt, technischer Leitung
  • Detail-Prüfung der individuellen Endoskopie-Einrichtung, dabei insbesondere von Abzugshauben, Belüftungssituation, Spül- und Abwassersystemen, Raumzirkulation
  • Messung der Gefahrstoff-Konzentrationen während des Echtzeit-Betriebes durch unabhängiges, externes Institut (z.B. zuständige Landes-Behörde)
  • Messungen volatiler toxischer Substanzen (v.a. Aldehyde) in Untersuchungsräumen, Gängen, Patientenschleusen und dem Geräte-Reinigungsraum
  • Bei Auffälligkeiten: Erstellung eines darauf aufbauenden Maßnahmen-Konzeptes zur Schadensbehebung

Tipps zur gesundheitlichen Schadens-Prävention Endoskopie

  • Informieren Sie Ihre Klinikverwaltung / MVZ-Leitung / Praxiskollegen über die Dimension des Problems
  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiter in Präventiv-Maßnahmen (z.B. Problem-Awareness, Umgang mit Gefahrstoffen, Unterstützung von Umstellungsmaßnahmen)
  • Überprüfen Sie in Ihrer Endoskopie, ob Sie nicht einfach auf vollständig geschlossene Proben-Behälter umstellen können, z.B. die kommerziellen Systeme der Firmen Axlab (Dänemark) oder MicroTech (Deutschland)
  • Zudem existieren auch geschlossene infusionsartige Schlauch-Systeme zum Mehrfachgebrauch, z.B. von der Firma Sarstedt
  • Alternativ können die histologischen Proben / Exzidate in der Endoskopie auch vom geschulten Personal – ähnlich wie in der Pathologie und Forschung – in einem geeigneten Raum mit laminarer Abzugshaube (Hood) unter deren Deckel sicher mit geeignetem Hand- bzw. Kontaktschutz durchgeführt werden
  • Prüfung mit der individuell zuständigen Pathologie, ob auch neue, formalinfreie und wenig flüchtige Alternativsubstanzen zur Anwendung kommen können.

Fazit

Ziel der Betrieblichen Gesundheits-Vorsorge (BGV) sollte in jeder Praxis und Klinik die Prävention von gesundheitlichen Schäden der Mitarbeiter sein. In der Endoskopie heißt das, dass jeglicher Kontakt von Menschen mit offenen Formalinbehältern abgeschafft werden sollte. Dies kann auf verschiedene Weise relativ einfach geschehen, indem man z.B. geschlossene Formalinbehälter verwendet (s.o.) oder alle Proben konsequent unter geeigneten Abzugshauben prozessiert.

Die Umstellung kostet sicherlich etwas mehr und kann pro Jahr und Einrichtung geschätzte Beträge – je nach Patientenzahl, Frequenz und Art der Maßnahme – von etwa € 2.000 bis € 10.000 zusätzlich kosten. Diese Kosten können aber durch Einkaufs-Verhandlungen, Mengenrabatt, andere Rabattierungen, Rechnungsstellung bei Selbstzahlern, oder Einsparung bei anderen Materialkosten zumeist ausgeglichen werden.

Die gesundheitlichen Vorteile bei den Mitarbeitern lassen sich naturgemäß schlecht beziffern, doch würde sich bereits die Prävention von einigen Ausfalltagen wegen möglicherweise toxisch mitbedingten Krankheits-Erscheinungen „rechnen“, ganz zu schweigen von den Kosten einer chronischen Krankheit, die durch Exposition zumindest mit begünstigt wurde (z.B. Asthma, COPD, Augen- und Nasennebenhöhlenentzündungen, neurologische Störungen, Kopfschmerzsyndrome und andere).

Schlusswort und Bitte um Mitarbeit

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie weitere Informationen zu dem Thema, bessere Maßnahmen kennen und/oder Kritik oder Ergänzungen an diesem Papier haben: bitte senden Sie diese an die Emailadresse cshollerbach@t-online.de (oder den Vorstand der Sektion Endoskopie der DGVS).

In diesem Sinne: „Endoskopieren Sie sicher…!“

Dresden, im September 2017
Prof. Dr. med. Stephan Hollerbach