Über die DGVS

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) wurde 1913 als wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforschung der Verdauungsorgane gegründet. Heute vereint sie mehr als 5.500 Ärzte und Wissenschaftler aus der Gastroenterologie unter einem Dach. Die DGVS fördert sehr erfolgreich wissenschaftliche Projekte und Studien, veranstaltet Kongresse und Fortbildungen und unterstützt aktiv den wissenschaftlichen Nachwuchs. Ein besonderes Anliegen ist der DGVS die Entwicklung von Standards und Behandlungsleitlinien für die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen der Verdauungsorgane – zum Wohle des Patienten.

Zur Geschichte

Die Geschichte der DGVS beginnt mit einer „Ein-Mann-Aktion“: Ismar Boas eröffnete 1886 als erster „Specialarzt für Magen- und Darmkrankheiten“ eine Praxis in der Berliner Friedrichstraße und etablierte auf diese Weise die Gastroenterologie. Frühzeitig verfolgte er die Idee einer wissenschaftlichen Gesellschaft für das neue Fachgebiet und eines Kongresses, bei dem die „wichtigsten Themata der Verdauungs- und Stoffwechselpathologie in Form von Referaten und Diskussionen behandelt werden sollten“. Die Vertreter der „Einheit der Inneren Medizin“ lehnten zunächst ein organisatorisch eigenständiges Spezialfach ab. Boas hielt jedoch an seinen Initiativen konsequent fest. 1913 bildete sich ein erster Vorstand und Ausschuss; damit war die neue Fachgesellschaft begründet. Die primäre Aufgabe bestand in der Durchführung der „Ersten Tagung über Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten“, die im April 1914 in Bad Homburg mit großem Erfolg stattfand.

Unterbrochen durch den 1. Weltkrieg wurden die Tagungen erst 1920 fortgesetzt. Die Fortbildungskurse und Initiativen besonders der frühen Berliner Gastroenterologen um Ismar Boas, Albert Albu, Hermann Strauss und Theodor Rosenheim führten 1924 zur Einführung des Facharztes für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten. 1925 erhielt die Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten anlässlich ihrer V. Tagung in Wien eine Satzung und eine Geschäftsordnung, ein Mitgliederverzeichnis sowie ein Generalsekretariat. Ismar Boas wurde wegen seiner Verdienste um die wissenschaftliche und organisatorische Fortentwicklung des neuen Faches Gastroenterologie zum ersten Ehrenmitglied der Gesellschaft gewählt. Bis 1930 stieg die Zahl der Mitglieder kontinuierlich auf nahezu 500. Die Fachgesellschaft verstand sich als interdisziplinär und als übernational / europäisch. Den Zusatz ‚Deutsch’ erhielt sie erst nach 1938.

Mit Beginn der NS-Diktatur 1933 veränderten sich die Rahmenbedingungen für die Fachgesellschaft drastisch. Die jüdischen Mitglieder wurden gezwungen, die Gesellschaft zu verlassen; damit verlor diese ein Viertel ihrer Mitglieder. Vier von sechs Vorstandsmitglieder mussten im April 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft ihre Ämter niederlegen. Nur mit Mühe gelang der Erhalt der Gesellschaft.

Nach Ende des 2. Weltkrieges und den ersten fünf Nachkriegsjahren stellte das Jahr 1950 für die DGVS Neuanfang und Kontinuität zugleich dar. Die Kongresstradition wurde mit der XV. Tagung erneut aufgenommen, die Aktivitäten waren bestimmt durch die Bemühungen um die Wiedereinführung eines Facharztes für Gastroenterologie, um die Etablierung des Faches an den Universitätskliniken und in den großen städtischen Krankenhäusern und um die Wiederaufnahme internationaler Kontakte.

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Erste Tagung der Gesellschaft für Gastroenterologie am 23. April 1914 in Bad Homburg

Ismar Boas – Gründer der DGVS

Das Logo der DGVS ziert Ismar Boas (1858 – 1938). Er hatte 1886 in Berlin die Gastroenterologie weltweit begründet. Durch hohen persönlichen Einsatz förderte er die wissenschaftliche und organisatorische Fortentwicklung des neuen Faches nachhaltig. Seinen Initiativen ist es zu verdanken, dass sich 1913 ein erster Vorstand konstituierte, der die Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten etablierte und der im April 1914 die „Erste Tagung über Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten“ erfolgreich organisierte. Unterbrochen durch den 1. Weltkrieg führten die Aktivitäten Boas’ dazu, dass die Gesellschaft 1925 eine Satzung und Geschäftsordnung sowie ein Mitgliederverzeichnis und ein Generalsekretariat erhielt. Boas selbst wurde mit der ersten Ehrenmitgliedschaft der Fachgesellschaft gewürdigt. Diese verstand sich interdisziplinär und ausdrücklich als übernational / europäisch. Die Kongresse fanden wechselnd in Berlin und Wien sowie in Amsterdam und Budapest statt. Den Zusatz „Deutsch“ erhielt die Gesellschaft erst nach dem XIV. Kongress 1938.

Das Jahr 1933 mit dem Beginn der NS-Diktatur bedeutete für die Fachgesellschaft eine tiefgehende Zäsur. Die jüdischen Mitglieder mussten die Gesellschaft verlassen; dies betraf auch den Gründer und das Ehrenmitglied Ismar Boas. Er wurde 1933 gezwungen, die Schriftleitung des Archivs für Verdauungskrankheiten aufzugeben. 1936 emigrierte Boas nach Wien. Dort nahm er sich im März 1938 nach Einmarsch der Deutschen Wehrmacht selbst das Leben. Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee.

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Isidor Ismar Boas (* 28. März 1858 in Exin; † 15. März 1938 in Wien)

Ismar Boas - Begründer der Gastroenterologie

Am 15. März 2018 vor 80 Jahren nahm sich Ismar Boas – Begründer der Gastroenterologie weltweit – in Wien das Leben. Es war jener Tag im März 1938, an dem der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht vollzogen wurde. Boas und seine Ehefrau wurden 1936 wegen der antijüdischen NS-Politik aus Deutschland vertrieben; sie hielten sich seither in der österreichischen Hauptstadt auf. Franz Werfel beschrieb in dem Monodrama Der Arzt von Wien Boas’ Ausweglosigkeit und setzte ihm ein eindrückliches literarisches Denkmal: der fiktive Dialog zwischen Boas und dem berühmten Internisten Hermann Nothnagel kreist um die Fragen des Arztseins, den guten Arzt, eine menschliche Haltung sowie Antisemitismus, Hass und die Verfolgung der Juden.

Ismar Boas, 1858 in Exin / Kcynia, in der früheren Provinz Posen, geboren, hatte seit 1882 über 54 Jahre in Berlin als Arzt und Forscher gewirkt. Frühzeitig beschäftigte er sich, angeregt durch seinen Mentor Carl Anton Ewald, mit der Physiologie und Pathophysiologie der Verdauung. Zunächst als praktischer Arzt niedergelassen eröffnete er 1886 eine Spezialpraxis sowie die erste Poliklinik für Magen- und Darmkrankheiten. Damit etablierte Boas erstmalig die Gastroenterologie als eigenständiges Fachgebiet innerhalb der Inneren Medizin. Er plädierte zu einem frühen Zeitpunkt für eine konsequente Spezialisierung, hielt in Berlin zahlreiche Fortbildungskurse über Magen- und Verdauungskrankheiten ab und prägte viele der frühen „Magen-Darm-Ärzte“. 1895/96 begründete Boas das Archiv für Verdauungskrankheiten unter Einschluss der Stoffwechselpathologie und Diätetik, das rasch zum führenden Fachorgan wurde und dessen Schriftleitung er bis 1933 innehatte. Seine unermüdlichen Initiativen führten im April 1914 zur Ersten Tagung über Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Dieser erste Spezialkongress für Gastroenterologie in Deutschland stellt den Beginn der Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten dar, die sich supranational und europäisch verstand (die Bezeichnung „Deutsch“ erhielt die Fachgesellschaft  erst 1938). Die Bestrebungen um das neue Fachgebiet fanden ihre Anerkennung mit der Einführung des Facharztes für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten während des Deutschen Ärztetages 1924.

Wissenschaftlich befasste sich Boas mit der Magenfunktion und Säuresekretion, mit dem Magenulkus sowie dem Magenkarzinom. Er beschrieb wegweisend den Nachweis von okkultem Blut im Stuhl als Maßnahme zur Früherkennung von Tumorerkrankungen des Magen-Darm-Traktes und machte 1903 die Colitis ulcerosa in Deutschland bekannt. Seine Lehrbücher über Magenkrankheiten sowie die Lehre von den okkulten Blutungen waren Standardwerke in jener Zeit. Stets plädierte Boas für eine fundierte wissenschaftliche Medizin, ein kontinuierliches Hinterfragen der gewonnenen Erkenntnisse, ein interdisziplinäres Vorgehen, und forderte unabhängige Institute zur Überprüfung der Wirksamkeit der Arzneimittel.

Nach 1945 war Ismar Boas in Deutschland zunächst vergessen. Die DGVS ehrte den großen Forscher und Lehrer der Gastroenterologie 1992 mit einer Gedenktafel in der Berliner Charité. Während der Kongresse der DGVS werden seit Anfang der 1990er Jahre die Boas-Medaille und die Boas-Preise verliehen.

Boas’ Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weissensee. Seine Ehefrau Sophie, geborene Asch, hatte für die Bestattung im Grab ihrer Familie in Berlin gesorgt. Sie selbst emigrierte 1938 über die Schweiz nach Holland; im März 1943 wurde Sophie Boas in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet. Der Sohn Kurt Ferdinand Boas, niedergelassener Dermatologe, war 1935 / 1936 im KZ Sachsenburg / Sachsen inhaftiert, vermutlich ist er 1938 nach Südamerika gelangt. Die Tochter Claire emigrierte in die USA, sie starb 1959 in New York.

Boas’ Grab wird von der DGVS gepflegt. Anlässlich seines 80. Todesjahres wurde die Grabtafel mit der Erinnerung an Ismar Boas restauriert.

Restaurierte Grabtafel, Grabstätte Ismar Boas, Jüdischer Friedhof Berlin-Weissensee, Foto Olaf Ziegenhagen.