Unsere Geschichte

Wichtige Persönlichkeiten der Gastroenterologie

Viele Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen haben über die vergangenen Jahrzehnte unser Fach nachhaltig geprägt. Wir konzentrieren uns hier auf einige wenige Persönlichkeiten, die einen besonders großen Einfluss auf die Entwicklung der Gastroenterologie hatten. Diese Liste ist nicht als abgeschlossen anzusehen und kann in der Zukunft weiter wachsen.

Persönlichkeiten

Ismar Boas - Begründer der DGVS

Ismar Boas, 1858 in Exin / Kcynia, in der früheren Provinz Posen, geboren, hat seit 1882 über 54 Jahre in Berlin als Arzt und Forscher gewirkt.

Gründung einer Fachgesellschaft für Gastroenterologie

Frühzeitig beschäftigte er sich, angeregt durch seinen Mentor Carl Anton Ewald, mit der Physiologie und Pathophysiologie der Verdauung. Zunächst als praktischer Arzt niedergelassen eröffnete er 1886 eine Spezialpraxis sowie die erste Poliklinik für Magen- und Darmkrankheiten. Damit etablierte Boas erstmalig die Gastroenterologie als eigenständiges Fachgebiet innerhalb der Inneren Medizin. Er plädierte zu einem frühen Zeitpunkt für eine konsequente Spezialisierung, hielt in Berlin zahlreiche Fortbildungskurse über Magen- und Verdauungskrankheiten ab und prägte viele der frühen „Magen-Darm-Ärzte“. 1895/96 begründete Boas das Archiv für Verdauungskrankheiten unter Einschluss der Stoffwechselpathologie und Diätetik, das rasch zum führenden Fachorgan wurde und dessen Schriftleitung er bis 1933 innehatte. Seine unermüdlichen Initiativen führten im April 1914 zur Ersten Tagung über Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Dieser erste Spezialkongress für Gastroenterologie in Deutschland stellt den Beginn der Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten dar, die sich supranational und europäisch verstand (die Bezeichnung „Deutsch“ erhielt die Fachgesellschaft erst 1938). Die Bestrebungen um das neue Fachgebiet fanden ihre Anerkennung mit der Einführung des Facharztes für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten während des Deutschen Ärztetages 1924. Unterbrochen durch den 1. Weltkrieg führten die Aktivitäten Boas’ dazu, dass die Gesellschaft 1925 eine Satzung und Geschäftsordnung sowie ein Mitgliederverzeichnis und ein Generalsekretariat erhielt. Boas selbst wurde mit der ersten Ehrenmitgliedschaft der Fachgesellschaft gewürdigt. Diese verstand sich interdisziplinär und ausdrücklich als übernational / europäisch. Die Kongresse fanden wechselnd in Berlin und Wien sowie in Amsterdam und Budapest statt. Den Zusatz „Deutsch“ erhielt die Gesellschaft erst nach dem XIV. Kongress 1938.

Die NS-Diktatur – ein Wendepunkt

Das Jahr 1933 mit dem Beginn der NS-Diktatur bedeutete für die Fachgesellschaft eine tiefgehende Zäsur. Die jüdischen Mitglieder mussten die Gesellschaft verlassen; dies betraf auch den Gründer und das Ehrenmitglied Ismar Boas. Er wurde 1933 gezwungen, die Schriftleitung des Archivs für Verdauungskrankheiten aufzugeben. 1936 emigrierte Boas nach Wien. Dort nahm er sich im März 1938 nach Einmarsch der Deutschen Wehrmacht selbst das Leben. Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Seine Ehefrau Sophie, geborene Asch, hatte für die Bestattung im Grab ihrer Familie in Berlin gesorgt. Sie selbst emigrierte 1938 über die Schweiz nach Holland; im März 1943 wurde Sophie Boas in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet. Der Sohn Kurt Ferdinand Boas, niedergelassener Dermatologe, war 1935 / 1936 im KZ Sachsenburg / Sachsen inhaftiert, vermutlich ist er 1938 nach Südamerika gelangt. Die Tochter Claire emigrierte in die USA, sie starb 1959 in New York.

In Gedenken

Nach 1945 war Ismar Boas in Deutschland zunächst vergessen. Die DGVS ehrte den großen Forscher und Lehrer der Gastroenterologie 1992 mit einer Gedenktafel in der Berliner Charité. Während der Kongresse der DGVS werden seit Anfang der 1990er Jahre die Boas-Medaille und die Boas-Preise verliehen. Boas’ Grab wird von der DGVS gepflegt. Anlässlich seines 80. Todesjahres wurde die Grabtafel mit der Erinnerung an Ismar Boas restauriert.

Ismar Boas um 1925

 

 

Restaurierte Grabtafel, Grabstätte Ismar Boas, Jüdischer Friedhof Berlin-Weissensee, Foto Olaf Ziegenhagen.

Rahel Hirsch (1870 – 1953), erste Medizinprofessorin in Deutschland

Es war eine eindrückliche und würdige Gedenkstunde, als auf dem Gelände der Berliner Charité am 15. September 2020 an Rahel Hirsch und ihren Lebensweg erinnert wurde. Anlaß war ihr 150. Geburtstag. Hier in der Charité war sie bei Friedrich Kraus in der II. Medizinischen Klinik seit 1903 als „außeretatmäßige“ Assistenzärztin neben Kollegen wie Gustav von Bergmann, Friedrich Nicolai, Georg Zülzer und Theodor Brugsch tätig. Hier in der Charité hatte sie 1906 in Tier- und Selbstversuchen erstmalig für den Menschen gezeigt, dass ungelöste Partikel ( zum Beispiel Stärkekörner ) vom Dünndarm aufgenommen werden. Zudem konnte sie erstmals nachweisen, dass diese Teilchen renal unverändert eliminiert werden können — ein Phänomen, das erst sechs Jahrzehnte später als „Hirsch-Effekt“ in die Fachliteratur Eingang fand. Dass oral applizierte korpuskuläre Substanzen mit einer Partikelgröße um 75 μm intestinal aufgenommen und über die Niere ausgeschieden werden, widersprach der damaligen Lehrmeinung. Rahel Hirsch blieb in jener Zeit die Anerkennung ihrer Forschungsergebnisse versagt, obwohl der ungarische Physiologe Fritz Verzár wenige Jahre später ihre Beobachtungen bestätigte.

Rahel Hirsch, 1870 in einer Frankfurter jüdischen Familie mit bekannten Rabbinern geboren, erkämpfte sich das Medizinstudium, das am Ende des 19. Jahrhunderts in Preußen für Frauen noch nicht möglich war. Nach dem Studienbeginn in Zürich wechselte sie nach Straßburg und wurde dort durch den bekannten Internisten Bernhard Naunyn und den frühen Biochemiker Franz Hofmeister geprägt, bei dem sie mit der Arbeit „Ein Beitrag zur Lehre von der Glykolyse“ promovierte. Zwischen 1903 und 1919 beschäftigte sie sich in der II. Medizinischen Klinik der Charité mit einem breiten Spektrum wissenschaftlicher Fragestellungen aus dem Gebiet der Inneren Medizin und Stoffwechselforschung, publizierte u.a. zur Aminosäurenausscheidung im Hungerzustand und referierte 1911 während des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin über ihre Forschung zur Wirkung des Adrenalins auf Temperatur und Wärmehaushalt. 1908 betraute Friedrich Kraus Rahel Hirsch mit der Leitung der Poliklinik der II. Medizinischen Klinik der Charité. 1913 wurde ihr in Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen als erster Ärztin in Preußen der Titel „Professor“ verliehen. Eine Lehrbefugnis oder eine finanzielle Besserstellung war mit dieser Titularprofessur nicht verbunden.

Nach dem Ausscheiden aus der Charité 1919 eröffnete sie in Berlin als Internistin eine Praxis, die die Röntgendiagnostik einschloss. Nach Beginn der Diktatur der Nationalsozialisten 1933 verlor sie ihre Kassenzulassung und war als Jüdin zunehmend ausgegrenzt und gefährdet. Rahel Hirsch floh im Oktober 1938 aus Deutschland nach England, wo sie 68-jährig ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Sie war zunächst als Laborassistentin und Übersetzerin tätig, litt an einer psychischen Erkrankung und starb vereinsamt am 6. Oktober 1953. Ihr Grab befindet sich auf dem nördlich von London gelegenen jüdischen Friedhof in Bushey.

Rahel Hirsch gehört zu den Pionierinnen der Medizin in Deutschland. Ihren Forschungsansatz nahm der Berliner Gastroenterologe Gerhard Volkheimer in den 1960er und 1970er Jahren mit seinem Konzept der intestinalen interzellulären „Persorption“ wieder auf. Möglicherweise erleben die Beobachtungen von Rahel Hirsch und Gerhard Volkheimer eine Renaissance durch die gegenwärtiger Untersuchungen zur Ingestion von Mikro-Plastik-Teilchen mit der Nahrung und dem Verhalten dieser Partikel im Dünndarm.

1965 würdigte Adelheid Winkelmann mit ihrer Dissertation Rahel Hirsch und deren Leistungen erstmalig und umfassend („Medizinhistorische Betrachtungen zum Hirsch-Effekt“, Humboldt-Universität Berlin). Danach dauerte es nochmals 30 Jahre bis auf dem Gelände der Charité nach einer Initiative zweier Ärztinnen Rahel Hirsch mit einer Bronzeplastik ein Denkmal gesetzt wurde. Heute wird in Berlin vielfältig an die erste Medizinprofessorin Deutschlands erinnert: mit einem Rahel-Hirsch-Stipendium der Charité zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen während der Habilitation, mit einer Rahel-Hirsch-Schule mit dem Schwerpunkt „Medizin und Gesundheit“, mit einer Berliner Gedenktafel am Haus ihrer früheren Wohnung und Praxis am Kurfürstendamm sowie mit einer Rahel-Hirsch-Straße.

Dr. med. Harro Jenss
Archivar der DGVS

Rahel Hirsch im „Physikalischen Zimmer“ der II. Medizinischen Klinik der Charité um 1910. Mit freundlicher Genehmigung © Bildarchiv des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité –Universitätsmedizin Berlin

 

Rahel Hirsch, Originalarbeit, Zeitschrift für Experimentelle Pathologie und Therapie 1906; 3: 390 – 392